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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 204: Frühling in Berlin: Je t\aime, Alter!

Schöne Blume

Tief einatmen und dann die Nase im Fliederbusch am Straßenrand versenken. Es sind dutzende kleine Blüten, die vor meinen Augen verschwimmen. Sie kitzeln an der Wange, weil ich mit dem Kopf mittendrin stecke. Der Plan: Heute die Nase benutzen, Fährte aufnehmen um den Frühling ins Gehirn zu katapultieren. Botenstoffe sollen endlich die gute Nachricht überbringen!
Über sternenklare Sommernächte in Biergärten, das Gefühl wärmender Sonnenstrahlen auf schneeweissen Oberschenkeln, weichgespülte Berliner und Schmetterlingsrülpser – das große Hormonerwachen. Ich bin bereit! Nebenbei stelle ich fest, dass violetter Flieder anders riecht, als der weisse. Ah, und da drüben, die Maiglöckchen hinter dem Vorgartenzaun – ich will sie auch riechen! Meine Hand passt durch die Metallstäbe. Ich greife zu. Das duftet ja so gut! Hinter mir ruft jemand: „Wat soll dit denn werden?“
Ich glaube den Rufer zu erkennen. Es ist der Mann, der in meinem Kiez Hundehaufen mit goldenem Farbspray einkreist, bis sie aussehen, wie moderne Plastiken auf barocken Tellern. Jetzt schnell die Blume ins Dekollete gesteckt und weitergelaufen. Nicht umdrehen! Auf der Oderberger hat jemand Tulpen gepflanzt. Ein Karton mit alten Büchern steht daneben. Ein Reiseführer für Paris liegt da aufgeschlagen auf einem Fenstersims, dazu eine leere Flasche Wodka. Recht so. Wer braucht schon Paris, wenn er Gorbatschow in Berlin treffen kann? Je t’aime, Alter! Ja, ich meine dich, Prenzlauer Berg! Und dich Pankow! Und dich Wedding!
Beschwingt steige in die Tram. Es riecht nach „My Melody Dreams“ und „Syoss“-Haarspray. Vor mir sitzt eine junge Frau. Etwas weiter hat sich ein junger Mann mit Kumpel platziert, der sich ihr im nun folgenden unverbindlichen Anbalzgespräch als „Maximus Sexus“ vorstellt. „Dit is aber nur mein Facebookname!“ fügt er an und dann: „Gucci Prada, Moschino, Swarowksi, wa?“ Dabei deutet er auf ihre Handtasche. Sie lacht, er lacht, ich freu mich auch. Er ist kräftig, trägt Jogginghose und Glatze und kommt direkt zur Sache, fragt, ob sie einen Freund hat. Ja, hat sie. „Ok. Jespräch beendet!“, ruft er und dann: „Obwohl, man kann ja och zu dritt zusammen sein, wa?“ Die Art, wie er das sagte, war so, dass ich ein Lachen kaum noch unterdrücken konnte. Sie sagt, sie kommt aus Polen, er fragt: „Im Ernst?“ Ja, kein Witz. Sie will jetzt seinen echten Namen wissen. Da tut er empört, was schon wieder lustig ist. Er sagt, das ginge ihm jetzt zu schnell. „Heiraten okay – aber meinen Namen sag ick dir nicht!“ Es stellt sich heraus, dass sie nur zwei Straßen voneinander entfernt wohnen. „Dann sehen wir uns jetzt ja öfter!“ sagt sie und winkt, als sie aussteigt. Maximus Sexus strahlt, der Kumpel kichert, ich riech‘ nochmal am Maiglöckchen… Je t’aime, Berlin, je t’aime!

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 204: Frühling in Berlin: Je t’aime, Alter!

 

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