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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 205: Leuchtende Displays, fahle Herzen

Wie wir leben wollen

Im Torstraßencafe bei Cappuccino und freiem W-Lan sitzen,  dabei das Wetter mit unwirschem Blick (gerade noch Regen) dokumentieren. Ein Mann betritt das volle Cafe. Seine Jacke ist zerschlissen. Sein Gesicht ist schmutzig und er riecht streng, während er um Kleingeld bittet. Ich bin kurz davor, wie automatisiert abzuwinken, werd aber doch noch klar, sag „Wart‘ mal“ und suche etwas Kleingeld. Die Frau gegenüber tippt weiter in den Laptop, ignoriert den Mann, wie die meisten anderen hier auch. Eine Mitarbeiterin kommt und sagt, er soll das Haus verlassen. Er erwidert, dass er Hunger hat und nur für etwas Essen sammelt. Es tut ihr leid, gibt sie zurück, aber so sind ihre Anweisungen. Der Ton ist harsch. Der Mann zieht ab. Ich schau mich um. All die hübschen Gesichter, die teuren Schuhe, die originellen T-Shirt-Aufdrucke… wie hässlich sie doch sind! Menschen mit leuchtenden Displays und fahlen Herzen. Ich ekele mich gerade sehr – auch vor mir selbst, ich gehöre ja dazu. Hier sitzen wir, schreiben schlaue Texte, entwickeln Start Ups für nachhaltige Anliegen oder Online-Magazine für Veganer, schaffen aber nicht im Alltag ein bisschen Menschlichkeit zu zeigen. Wie arm ist das eigentlich?
Es liegt wohl an diesem Cocoon, der uns fest und unsichtbar umgibt. Den brauchen wir, um uns vorm täglichen Wahnsinn zu schützen, um nicht über den Strom an Meldungen von Massakern, gekenterten Flüchtlingsboten, Tod und Leid irre zu werden. Wir sehen die Bilder, aber fühlen nichts dabei. Vermutlich ist das – bis zu einem gewissen Grad – auch besser so. Nur ist diese Gradwanderung heikel, denn sie entscheidet jeden Tag aufs Neue darüber, ob wir noch emphatischer Mensch oder schon konsumverstrahlte Kaltschnäuzer sind. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut. Wir könnten aufmerksamer sein, den Cocoon wieder durchlässiger machen. Mir gelingt das manchmal – nicht immer. Ich traf am U Bahnhof Kochstraße eine Frau, die nicht aufhörte zu weinen. Ich hab sie dann einfach angesprochen. Sie hatte gerade erfahren, dass ihr Sohn einen Unfall hatte und war völlig aufgelöst. Sie sprach schlechtes Deutsch und als ich merkte, dass ich mit Worten nicht weiter komme, hab ich sie in den Arm genommen. Ich glaube, dass es nicht umsonst war, denn zumindest weinte sie danach nicht mehr.
Ich hörte, dass es in dem Cafe zu Diebstählen kam und  hier deshalb so rigoros Nichtgäste des Hauses verwiesen werden. Man könnte beim nächsten Mal ja eines von den belegten Broten aus der Auslage mit auf den Weg geben. Das gutlaufende Cafe ginge daran vermutlich nicht pleite. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut, während ich bei Cappuccino auf die Torstraße blicke…

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