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Zwischen Disko und Dispo, Folge 67: Torstraßengeschichten


Die Torstraße in Mitte
ist eine hässliche Straße, sie ist laut schmutzig und stinkt.
Jeden Tag ereignen sich merkwürdige Dinge auf ihr, die nur hier passieren können und nicht etwa auf der Bautzener- Ecke Großgörschenstraße auch.
Wenn man vor einer Galerie steht zwischen lauter wichtigen Menschen ( Chefredakteur Vanity Fair usw.) und dabei – vielleicht mit einem Glas Chardonnay in der Hand- zuschauen muss, wie der Gesprächspartner plötzlich von einem betrunkenem und blau angemalten Mann (wahrscheinlich Aktionskünstler) auf den Boden in eine Pfütze gezerrt wird, damit der ebenfalls blau eingefärbte Künstlerkollege alles fotografieren kann – dann klingt dies doch sehr verdächtig nach Torstraßen-Geschichte. Gut, vielleicht passt sie auch ein bisschen zum Potsdamer Platz (Blue man Group) – für den Quatsch muss man allerdings noch bezahlen.
Genau genommen geht es auf der Torstraße immer um drei Dinge: Kunst, Essen und Feiern. Was bleibt einem in der baumfreiesten und gleichzeitig galeriestärksten Zone Berlins auch anderes übrig?

Man trifft sich jeden Abend in Restaurants um anschließend seine Zeit auf einer der vielen Vernissagenpartys in gemischter Gesellschaft zu verbringen – darunter Werbefilmer, Schauspieler, Kravattenhersteller aus der Ostprignitz und aufstrebende Buchautorinnen. Dann wird möglichst laut über Kunst diskutiert – oder darüber das Jonathan Meese super passe’ ist beziehungsweise die Vorteile von Rio-Waxing oder die schief gelaufene Botoxbehandlung der Frau hinten rechts im Raum. In manchen Dingen funktioniert die Torstraße eben wie eine Kleinstadt, hier wird noch richtig getratscht. Zudem gibt man sich Mühe in der Kleiderfrage, will aber nicht bemüht aussehen. Und falls es doch mal vorkommt, man einen schlechten Tag hatte, sich am Kleiderschrank vergriff und nun seltsam verkleidet die exklusive Galerie betritt, kann man hier immer noch so tun als wäre es Konzept.
Den Modefauxpas als sozialkritisches Statement verkaufen klappt nämlich ganz gut auf der Torstraße – auf der Pankstraße gibt’s dafür gleich eine aufs Maul.
Längst wurde der Torstraße eine eigene Soap-opera gewidmet. Die Drehbuchautoren haben einfaches Spiel. Sie brauchen sich nur am Abend in eine Galerie zu setzen und der Rest ergibt sich von selbst: gescheiterte Liveperformances (Angie Reed) Handtaschendiebstahl ( unbekannt) zur Redestellung des bösen Anwalts ( für Internetgewinnspielfirmen) mit anschließender Landparty in der Prignitz (beim Kravattenhersteller) – Torstraßengeschichten sind fertige Drehbucher!

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