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Zwischen Disko und Dispo, Folge 68: „Pling!“

Andauernd macht es dieses Geräusch- „Pling“, was heißt: sie haben Post. Ich sitze vor meinem Laptop und komme nicht zum Arbeiten , weil es „Pling“ macht, sobald ich mit dem Schreiben beginne. Ich befinde mich in einer ähnlichen Situation wie Jahre zuvor in der Klasse 4 a, als im Unterricht alle paar Minuten klebrige Kaugummikugeln und Zettelknöllchen an meinen Kopf landeten, mit Anfragen wie: „Schreib mal deine Top Ten aller Jungs aus der 5 b auf. Danke, Mandy“. Schon damals war klar, es ist intelligenter, nicht zur reagieren und sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren- und schon damals hat es nie funktioniert.
Jetzt ertönt dieses Geräusch und immer wieder unterbreche ich, um mich beim Absender, dem Internetnetzwerk Facebook , einzuloggen. Du hast eine Einladung in die Gruppe „ Ed Hardy- raus aus Mitte “ heißt es hier und „Martin hat Dir einen Drink gesendet“ -willst Du das Geschenk akzeptieren, fragt Facebook, und selbstverständlich nehme ich lieber einen Coktail entgegen als zu arbeiten, selbst wenn der nur aus einem winzigen Cartoonbild besteht. Auf meiner Pinnwand steht: „Wolfram hat Dich auf zwei Fotos markiert“ -schon wieder! Der Mann leistet Ermittlertätigkeit. Auf der Seite „Zeitmaschine„ ergänzt er Bilddokumente von nicht zurechnungsfähigen Personen auf 90er Jahre Partys mit Vor- und Zunamen.
Die Peinlichkeit der alten Schnappschusse ist beachtlich: stark überschminkt mit abstehenden Zöpfchen starre ich in die Kamera- wie ein Clown auf Angeldust. Soll ich das lustig finden oder gleich den Urheber der Seite verklagen, frage ich mich – nur den Text habe ich noch nicht fertig.

 

Ich beschließe ein paar Fotos von meinem Hamster zu posten. Damit teste ich „Brandenburg’s“ Marktwert. Bekommt er viele Kommentare, wird er mit eigener Kolumne versehen und bei der Zeitschrift „Mensch und Tier“ kommerziell verwertet. Der Hamster posiert ja gern für die Kamera solange nur ein, zwei Erdnüsse dabei herausspringen. Leider ist das Interesse für Hamster bei Facebook überschaubar. Die Seite mit den peinlichen Techno-Fotos hingegen hat knapp 700 Fans. Die Welt ist ungerecht- auch die virtuelle.
Für die Finanzvorsorge müssen andere Maßnahmen her , im Notfall bleibt noch ‚reich heiraten’. Schnell logge ich mich bei Xing ein- hier sind im Gegensatz zu Facebook ausschließlich Geschäftsmenschen aktiv. Und obwohl mir eine Kollegin das Portal einst für die Jobaquise empfahl, entlarvte sich der coole Businesstreffpunkt schnell als lauwarme Flirtbörse – nicht zuletzt wegen Nachrichten eines gewissen Jürgens, leitender Angestellter bei der KKH, Überschrift; „Guten Abend, süße Maus.“

Ludwig hingegen verfügt über Wortwitz, ist Besitzer eines Weinguts und Freund prominenter Menschen, wie Franz Beckenbauer und Eckhard Witzigmann, die Beweisfotos sind seiner Mail beigefügt. Promt lädt er mich zu sich ein, seine Gattin Irene würde sich auch freuen, ergänzt er- ich bin irritiert. Handelt es sich doch um einen Geschäftskontakt? Wieder werde ich unterbrochen, diesmal ist’s das Telefon. Der Chef fragt, wo die Kolumne bleibt- Ludwig und Irene müssen warten.

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