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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 70: Eastcoast, Westcoast

„Heute mal an der Westcoast?“ wundert sich der Veranstalter der Charlottenburger Hotelbar, der weis, dass Nachtlebenreporter normalerweise nur da unterwegs sind, wo es auch was zu berichten gibt, also an der Eastcoast. Die Begrifflichkeit aus der amerikanischen Hiphop-Fehde der Neunziger Jahre kann man auch auf die Berliner Clublandschaft übertragen. Ost- und Westterritorium gelten als gegensätzlich und schwer vereinbar- auch wenn in wiedervereinten Berlin noch niemand abgeknallt wurde, blos weil er auf der falschen Seite feierte.
Dennoch ist dem Clubreporter etwas mulmig zumute. Er muss jetzt los, Termine, sagt er, und verschwindet. Auf dem Nachhauseweg hat der Reporter schlechte Laune. Er hätte gerne mal etwas Neues, etwas Mutmachendes über die Westcoast berichtet, doch er konnte auch diesmal nichts finden. Die neue Partyreihe im Ellington fand er nur langweilig und steril. Die Bar erinnerte ihn an ein Kongresszentrum mit den typischen Stehtischen – mit weißen Decken und spießigen, kleinen Blumengestecken oben drauf. Rings um unterhielten sich Frauen: alle in den gleichen Hängerkleidchen , in den gleichen, hohen Stöckelschuhen, mit den gleichen Louis-Vuitton-artigen Handtaschen. Selbst das Lächeln schien stereotyp, möglicherweise sollte man nicht zuviel erwarten von Menschen, die sich beim Tanzen immer exakt so bewegen, wie es Darsteller in amerikanischen Musikvideos vormachen.
Die Männer hier waren mehr Jungen und so unspektakulär, dass sie der Reporter meist übersah. Er erinnert sich jedoch an einen, der hinten in der Ecke lehnte: sportlicher Kurzhaarschnitt, Wolfgang-Joop-Jeans, rosa Polohemd. Ein Fotograf schwor, er hätte den Flachwichser (Zitat Fotograf) zuvor im Porsche über die Nürnberger rasen sehen – zuviele Klischees machen den Reporter immer müde. Auf der Tanzfläche lief Janet Jackson’s „ Thats The Way Love Goes“ . Der Reporter setzte sich für einen Moment daneben und nickte ein.
Er träumte von einer dunklen Hotelbar im Kellergeschoss auf der Warschauer Straße – ohne seperaten Raucherraum, dafür voll mit merkwürdigen Typen. Er hatte, wie es in der Traumwelt so läuft , nur ein Nachthemd an und einen silbernen Propeller auf dem Rücken montiert. Er flog immer höher über die Straßen der Eastcoast – durch alte Lagerhallen und rot beleuchtete Kellerräume, in denen DJs auflegten, die Hanno Hinkelbein oder Hardy Meinhof hießen – nie jedoch Sunny B.. Plötzlich stockte der Motor und er musste notlanden, mitten auf dem Bebelplatz vor dem prächtigen Bau des Hotel de Rome. An der Rezeption wollte er nach einem Schraubenzieher fragen, saß drinnen aber plötzlich an einer eleganten Bar, inmitten violetter Orchideenarangements. DJ Oskar Melzer trug einen weißen Schaal und legte Hiphop auf, ein ungleiches Paar tanzte RocknRoll. Der Barmann hatte keinen Schraubenzieher, dafür eine Rechnung: 11, 50 Euro für ein Glas exklusiven Eastcoastprosecco. Der Reporter erschrak und erwachte, das Glas in der Hand war leer und Janet Jackson sang „Thats the way it goes.“

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