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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 73: Aberglaube

Eigentlich ein Thema für einen stürmischen Herbstabend. Gedämpftes Licht, eine Tür, die knarrend ins Schloss fällt, Kerzen, die durch einen plötzlichen Luftzug erlöschen- na ja, sie wissen schon. Andererseits scheint auch der Frühling eine günstige Zeit für Übersinnliches, warum sonst sollte bitte die „Esoterik- und Naturheiltage- Messe “ im April stattfinden?
Einem Termin übrigens, den ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen wollte.
Ersten Kontakt zum Aberglauben hatte ich im Alter von sieben Jahren durch meine exotische Verwandte. Sahra wuchs auf Kuba auf, bis ihre deutsche Mutter, also meine Tante beschloss, weißen Stränden und unzuverlässigen Gitarrespielern den Rücken zu kehren und Kuba sowie den Kubanischen Lebensgefährten nach vierzehn Jahren zu verlassen. Sahra folgte der Mutter in eine schnöde Plattenbausiedlung in die DDR und schaute fortan meist grimmig unter dichten, langen Korkenzieherlocken hervor.
Obwohl sie sehr träge war und permanent schlecht gelaunt, mochte ich Sahra. Sie sah cool aus, wie sie da ketterauchend den ganzen Tag im Negliges auf ihrem Sofa lag und von verwegenen Typen erzählte, die mit Messern und Mopeds durch Havanna cruisten und allesamt um die Gunst meiner Cousine buhlten. Sahra erklärte, dass läge nicht allein an ihrem Äußeren, sondern an bestimmten Techniken, mit denen sie Zauber verursachte. Etwas, dass ihre Oma ihr beibrachte und für gute wie böse Anliegen funktioniere.
Ich fragte nicht näher nach, wusste aber, dass Sahra in einen Stoffbeutel winzige, selbst gebastelte Puppen aufbewahrte, mit denen sie manchmal – zusammen mit verkohltem Papier und Schalen, deren Inhalt stank – merkwürdige Dinge veranstaltete. Mein Respekt vor Sahra wuchs als Frank, ihr erster deutscher- und wie sich später herausstellte auch untreuer Freund – nach der Trennung von einer Reihe Schicksalsschlägen ereilt wurde, darunter ein Wohnungsbrand, Führerscheinentzug und die Einberufung in die NVA. Womöglich hat die Cousine in einem Moment besonders mieser Stimmung mit Asche und ein paar Hühnerknochen den Zusammenbruch eines ganzen Landes verursacht, zuzutrauen wäre es ihr!
Jahre später jedenfalls war die DDR Vergangenheit und mein damaliger Freund, ein abergläubischer Australier, schleppte mich zu einer Berliner Aurazeichnerin mit Wohnsitz in Schöneberg. Die Frau war nett, sagte ich solle mich setzten und begann zu zeichnen. Nach einer halben Stunde präsentierte sie mir ein ausgesprochen dilettantisches Bild meiner Person, eine Art Strichmännchen über dessen Kopf sich pinke Wolken auftürmten. An den Knien hatte es zwei schwarze Filzstiftflecken – Blockaden, wie die Aurologin bemerkte. 150 Euro hatte mein Freund dafür bezahlt, die Beziehung hielt nicht lange und mein Vertrauen in Übersinnlichkeiten war dahin.
Heute stehe ich am Eingang des Messegeländes, die Sonne scheint aufmunternd und ich bin bereit der Esoterik und seinen aus ganz Deutschland angereisten Vertretern eine neue Chance zu geben. Lesen sie mehr dazu im zweiten Teil der Kolumne.

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