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Zwischen Disko und Dispo, Folge 74: Esoterikmesse


Die Messe hat soeben eröffnet- ich bin der erste Gast, wie unangenehm. Ich schäme mich, fühle mich wie eine von diesen geläuterten Enddreißigern, die plötzlich und überraschend nur noch mit Batikhosen und Amulettkettchen unterwegs sind, um ununterbrochen von spiritueller Selbsterfahrung zu reden – so was passiert ja ständig in Berlin und nicht nur in Schöneberg.
Dennoch habe ich mir vorgenommen das Thema offen anzugehen und dem weiten Feld der Esoterik nicht von vorn herein zynisch gegenüber zutreten. Falls etwas dran sein sollte am Übersinnlichen, möchte ich es hier und heute auf der Fachmesse für Esoterik- und Naturheiltage herausfinden!
Doch geschenkt wird einem nichts. Klischeehafte Panflötenmusik erfüllt Halle zwei während – dies ist das erste Bild, dass sich mir bietet- eine Schamanin aus Rostock mit ihrer Trommel bemüht ist, die Nackenverspannungen der Standkollegin fortzupauken. Die blonde Vertretung von „Engel und Naturgeister“ wirkt dabei nicht besonders glücklich, lässt aber -vermutlich aus falsch verstandener Kollegialität- die Frau gewähren.


Visavis bewirbt ein gewisser Harry, Typ Automechaniker aus NRW, sein Angebot : „Zwei zum Preis von Einem- Handlesen und Unterschriftenanalyse für 15 Euro“. Der sportliche Jeansträger arbeitet doppelt vorausschauend, und für Kundschaft mit desaströser Zukunftsprognose liegen Prospekte von Lebensversicherungen aus. Nach kurzem Überfliegen kann ich mich nicht entscheiden, welches Angebot nun unseriöser scheint. Das von Harry oder das von der Versicherung- wahrscheinlich gehören beide zusammen, sind aber sofort vergessen als ich wenige Meter weiter, den Stand mit angepriesener Weltneuheit erreiche. Vor mir liegt ein Berg geschmacklos bedruckter Bettwäsche drapiert, darüber steht in kindlicher Schreibschrift: „Ich bin feinstofflich aktiv! Ich schütze Schlafende vor ungesunden Schwingungen!“ und „Ich mache unsichtbar! “ Ungläubig starre ich auf die hässlichen Kissen, bis man mich einlädt, mich doch mal probeweise in die Betten zu legen. ‚Später vielleicht’ -lüge ich und ziehe davon, vorbei an einer spirituellen Partnervermittlung und einem Stand für Beckenschiefstandskorrektur.
Ich bekomme einen Mords-Schrecken, als mein Blick ein aufgedunsenes Gesicht streift, das mich von unten aus einer rotsamten- ausgeschlagenen Kabine anstarrt, darunter zu lesen: „Roswita sagt ihnen die Zukunft voraus“ – Roswita schaut mit durchdringendem Blick, wirkt viel zu klein und macht mir Angst. Ich möchte jetzt gehen – mit oder ohne ordentlichem Ergebnis.
Instinktiv begebe ich mich zum Stand eines dürren Pärchens mit schwarz gefärbten Haaren. Die beiden grüßen mit sächsischem Dialekt und scheinen weniger bedrohlich: zwei freundliche Kleinkriminelle, die einfach ein paar Euro machen wollen mit ihrem Stand für Jenseitskontakte. „Was er wohl denkt?“ steht hier über dem Portraitfoto eines Deutschen Schäferhundes. Und wer für diese Antwort Geld ausgeben will, hat es wohl auch verdient verarscht zu werden. Die Antwort auf meine Frage hingegen fällt kurz und wahrheitsgemäß aus : „Zum Ausgang? – Die zweite Tür rechts.“

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