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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 75: Tramper & New Romantics

Eigentlich wollte ich nur kurz zur Sparkasse, stehe stattdessen inmitten von „Zwanzig Jahre Mauerfall“, einer großflächig angelegten Ausstellung, die wegen des Jubiläums der Wiedervereinigung gerade auf dem Alexanderplatz stattfindet.

Mein Weg führt also vorbei an letzten Grußkarten aus der DDR, an Fotos von Mauerspechten sowie langhaarigen Mitgliedern der Ostdeutschen Tramperbewegung der 70er Jahre, den Blumenkindern der DDR. Auf einem Bild glaube ich meine Mutter zu erkennen, neben einem fragwürdigen Typen mit Gitarre und Jesuslatschen- bin aber nicht sicher.
Gedanken verloren ziehe ich weiter, drücke zwei, drei Knöpfe unter einem Videobildschirm, woraufhin ein Nachrichtensprecher der „Aktuellen Kamera“ informiert, das die Grenzen der DDR jetzt passierbar wären oder jubelnde Ossis – zuvor aus der Prager Botschaft entlassen-  mit dem Sonderzug in Hof einfahren. Soviel Euphorie scheint mit dann doch überzogen auf meinem Weg zum Kontoauszugsdrucker und ich beschließe zu gehen- nur um ein paar Meter weiter vor der Themenwand  „ Subkultur“ hängen zu bleiben. Ein einzelnes Foto von einem Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche genügt, um mich Jahre zurück zu katapultieren und ich befinde mich wieder in den 80er Jahren – mitten in der Pubertät . Das Leben ist  tragisch und riecht nach „Action“ Haarspray, ich bin New Romantic und finde es ungerecht, dass meine ältere Freundin Ines so viel mehr Spaß hat mit ihren männlichen Kollegen während ihrer Ausbildung zur Metzgerin,  als ich im Mathe-Unterricht bei Herr Meister an der „POS Adolf Hausmann“. Jeden Samstag schwänze ich den Unterricht um mich mit Ines am Bahnhof in Potsdam zu treffen. Die Fahrt nach Ostberlin dauert über drei Stunden, Ines hat den Kassettenrecorder dabei- ich die Flasche Goldbrand. Wir hören Soft Cell und stylen uns ewig auf der Zugtoilette. Am Ende stelle ich mich auf den Klodeckel um das Outfit zu checken: schwarze Strapse , ein durchsichtiges Negliges , darüber etliche Perlenketten und Strassarmbänder- ‚wie eine Nutte’, stellte meine Tante einmal fest- wie Madonna, finde ich. Am Bahnhof in Ostberlin wartet schon mein Freund Torsten, er trägt ebenfalls Strapse und ist Boy George-Fan. Später reihen wir uns ein in die lange Schlange vorm Alex Treff, in den 80ern die angesagteste Diskothek am Platz, eine Art Berghain für New Romantics und Waver, nur  ist um 1 Uhr Feierabend und Sex hat hier niemand. Als wir an der Reihe sind will mich der Türsteher nicht reinlassen „ Komm in zwei Jahren wieder.“ sagt er und schiebt mich zur Seite. Tränen der Wut und Verzweifelung rinnen über meine Wangen, drinnen läuft  Heaven 17 „Geisha Boys and Temple Girls“ – ich verpasse die Party meines Lebens.


Die Rückfahrt nach Potsdam ist unendlich deprimierend und ich verspreche meiner Freundin, das so etwas nie, nie wieder vorkommen wird. Vor ungefähr 12 Jahren ist der Kontakt zu Ines dann abgebrochen und dort wo der Alex Treff war, steht heute ein „Kubix“ Kino  – mein Versprechen allerdings habe ich gehalten.

 

Jackie A. 

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