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Zwischen Disko und Dispo, Folge 76: Bayerische Befindlichkeiten

 

Letztens war ich beim Karneval, ich hatte vergessen zuvor ein Kostüm zu besorgen und improvisierte am Kleiderschrank – am Ende wurd’s was ‚irgendwie Bayerisches’- jedoch nicht uncharmant, wie ich fand.

Das die Bayerische Lebensart und deren Vertreter in der Hauptsstadt besonders bei jungen Leuten auf Vorurteile stoßen, war mir bekannt, interessierte mich bislang aber kaum. Die Sachlage änderte sich beim Karneval der Kulturen, sie wissen schon, dem Event für Toleranz und Völkerverständigung- genauer gesagt auf meinem Weg dorthin. Nie hätte ich geahnt, wie viel Brisanz von einem kleinen, grünen Hut und einer um den Hals gehangenen „Brezn“ ausgeht!


Gleich beim Einsteigen in die U7 wurde ich von mehreren Fahrgästen mit strenger Mine taxiert. Kurz darauf begann eine Gruppe junge Männer hinter mir schrill zu jodeln. Zuerst versuchte ich die Stänkerer zu ignorieren, später probierte ich’s mit weniger lustig- mehr wütend gemeinten Zurückjodeln und als dies nicht half mit Aufklärungsversuchen zu meiner Herkunft. Die Argumente wurden natürlich ignoriert. Dann setzte sich einer der Typen zu mir um in schlecht nachgeahmten Bayerischem Dialekt Obszönitäten loszuwerden – am Ende versuchte man mir die Brezel zu klaun.
Ich weis nicht, wann ich mich in den ‚Öffentlichen’ zuletzt so genervt und provoziert fühlte wie im Bayerinnen-Kostüm. Äußerst schlecht gelaunt und mit angebissner Teigware verließ ich die U-Bahn am Hermannplatz. Beim Umzug angekommen, entspannte sich die Situation und vor allem bei stark alkoholisierten Teilnehmern weit über 50 Jahre, stieß der Bayerische Look erstmals am Tag auch auf Zuspruch- über die Straße gebrüllte Statements, wie „ Eh, geile Titten haste!“ belegten dies.
Die Wagenkolonne schien dieses Jahr besonders langsam an der Hasenheide vorüber zuziehen – irgendwann kam der Zug vollends zum erliegen. Ein Sitzstreik blockierte den Verkehr, Demonstranten wollten auf die Situation der Roma aufmerksam machen.
Ich nutzte die Gelegenheit, mich auf den feststeckenden Wagen der „Bar 25“ zu mogeln. Die Stimmung war gut. Ein Mann in Ganzkörperstrumpfhose und mit im Schritt befestigten Regenbogenplüschpenis tanzte Gedankenversunken im Konfettiregen, ein paar junge Frauen mit Federn in den Haaren bepinselten sich für die bevorstehende Perfomance mit Schlammfarben. Ein Glatzköpfiger mit langer, schwarzer Fleischerschürze fragte häufiger nach einem Gummiboot, das er im Gedränge wohl verlegte. Letzte ‚Bayerische Befindlichkeiten’ traten in den Hintergrund, als mir ein freundlicher Mitreisender mit dunklem Teint und mächtigem, um den Kopf geschlungenen Turban, von seinem Getränk anbot. Der Geschmack war mir gänzlich unbekannt und schnell stieg wohlige Wärme auf. Die folgende Reise war ungeplant, verlief jedoch im Sinne der Multikultur: farbenfroh und glücklich.


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