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Zwischen Disko und Dispo, Folge 77: Hackfleisch statt Sankt Moritz

Leider kann ich ihnen an dieser Stelle nicht von der Hochzeitsparty des Jahres – Boris Becker und Lilly Kerssenberg – berichten. Dabei schrammte ich nur knapp an einer persönlichen Einladung nach Sankt Moritz vorbei.
Meine Freundin Chayen Kosslowski * kollidierte einst mit dem Ex-Tennis-Profi an der Bar eines Berliner Clubs. Becker und die attraktive Exotin aus dem Wedding flirteten drauf los – was schlussendlich passierte, darum machte die sonst so verquatschte Chayen leider bis heute ein Geheimnis. Soviel jedoch steht fest: genug wars nicht, denn statt meiner Chayen wurde nur irgendwers Lilly vor den Traualtar geführt.

Wie schade für Chayen, für mich und am Ende auch für sie, denn statt Glamourhochzeit werde ich ihnen nun vom 78. Geburtstag meiner Oma in Görlitz berichten. Andererseits, wahnsinnig progressiv kann es auch in Sankt Moritz nicht zugegangen sein. Man hörte, der DJ legte „Beyonce Knowles“ auf und gegen zwei Uhr war Feierabend. Kommen wir also besser gleich zu Görlitz.
Ein dutzend Stars der ehemaligen DDR, besuchten die private Outdoor-Area am Jagdhaus des pensionierten Stasi-Oberst, darunter der Gewerkschaftsminister A.D., mehrere hoch dekorierte Ex- Kader sowie mein Onkel Heinz, früher Puffbetreiber und heute Musikkneipenwirt im Ausland. Im Gegensatz zum schnarchigen Sankt-Moritz- Event endeten die Feierlichkeiten in Görlitz jäh mit einem Eklat- Auslöser war der Werbetext auf der Faltschachtel eines Duschbades. Die emotionalen Höhepunkte habe ich für sie zeitlich geordnet und in Stichpunkten zusammengefasst:
-14 Uhr Ankunft und Führung durchs Jagdhaus – vorbei an fünfhundert, an den Wänden befestigten Geweihen, Oberst a.D.: „Alle selbst erlegt.“ – Oma aus dem Off: “ Der spinnt doch.“


-15 Uhr Platz nehmen am Kaffeetisch – Marzipantorte. Leichtes Unwohlsein ob der männlichen Ostverwandschaft: dicke, alte Chauvinisten, ununterbrochen über Sex redend. Einer mit vom Bier rotem Gesicht fragt grinsend, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm ‚in die Pilze’ zu gehen – Humor, den ich zum Kotzen finde.


-16 Uhr Bereitstellung des Abendbrots – bestehend aus Wurstbergen und kiloweise rohem Hackfleisch, dazu Brot und Bier. Guten Appetit!


-17 Uhr Feierliches Überreichen des Präsentkorbes für die Oma- gefüllt mit Süßigkeiten, einer Torte mit Erich-Honecker-Motiv sowie mehreren Spaßartikeln, darunter ein Duschbad mit unfassbar witzigem Namen „DDR“ (Dusch Dich Richtig). Die Überreichende, meine Mutter, ließt mit Ziel der allgemeinen Erheiterung den Text auf der Schachtel laut vor.


-17.05 Uhr Heinz lacht – sonst Niemand, Tuscheln am Tisch. Dicke Männer erheben sich geschlossen zur Verabschiedung. Zurück bleibt meine verdutzte Mutter mit einem Duschbad in der Hand, eine abwesend wirkende Oma sowie ein Kaffeetisch voller grauer Wurst.

Merke: Görlitz ist nicht Sankt Moritz und Scherzartikel zum Thema DDR kommen nicht mal bei ehemaligen DDR-Aktivisten vernünftig an.

*(Name von der Redaktion geändert)

 

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