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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 78: Günstig Wohnen


Schlendern über die der Karl-Marx-Straße, um das Angenehme mit dem Praktischen zu verbinden. Ich schaue mir Kunst an bei 48 Stunden Neukölln und gleich noch eine Wohnung, die in der Uthmannstraße frei wird.

Es gibt Leute die finden, dass die Worte angenehm und Neukölln nicht gut in einen Satz passen – egal ob hier in letzter Zeit häufiger Galerien und Cafes mit Namen, wie „Kinski“ eröffnen. Es handelt sich meist um ängstliche Bürger, die wie ich, vom aktuellen Neuköllner Delikt – Straßenballerei mit abgesägter Maschinenpistole – aus der Tagespresse erfahren. Man ließt das dann so und denkt ‚Um Gottes Willen- da ist ja keiner mehr sicher.’ – was natürlich Quatsch ist.
Trotzdem würde man immer eher nach Mitte, als nach Neukölln ziehen – dabei wurde Tags zuvor noch von der Dircksenstraße berichtet, Raubüberfall- mitten in Mitte.
Ich habe beschlossen, mich nicht länger verrückt machen zu lassen und den umstrittenen Kiez mit seinen unschlagbaren Mietpreisen -120 Quadratmeter mit Kamin für 700 Euro auf der Sonnenallee – bei meiner Wohnungssuche mit einzubeziehen. Ich bin nämlich kein nachtragender Typ und kann Vergangenes auch mal gut sein lassen.
Sie müssen wissen, ich wohnte schon in Neukölln- Erdgeschoss in der Morusstraße. Ich mochte den Trubel auf den Straßen, die kleinen Läden, die hübschen Syrer- und Türken- Mädchen, die mir regelmäßig in der U-Bahn gegenüber saßen. Vom U-Bahnhof brauchte ich über die Kienitzer nie länger als vier Minuten nach Haus – bis auf einen Abend im Dezember, es war gegen sieben und schneite.
Alle möglichen Leute waren unterwegs, die links und rechts klappernd Schlüssel in Haustüren steckten und verschwanden. Ich dachte ans Abendbrot- Bratkartoffeln- und registrierte eher beiläufig, das jemand sehr dicht hinter mir lief. Ich schaute nach rechts, sah aus dem Augenwinkel, dass der Typ etwas in Plastik verpackt transportierte- der Form nach eine Motorsäge.
Ich dachte noch ‚Na ja, wohl ein Heimerker ders eilig hat’ -und war beruhigt. Zwanzig Meter vor meiner Wohnung packte er mich von hinten. Erschrocken schrie ich auf, nannte ihn auch ein Schwein. Daraufhin hielt er mit beiden Händen den Motorblock über meinen Kopf und kündigte an: „Ich schlag dich jetzt tot“. Regungslos stand ich da. Ich dachte wirklich, das wars. Eine Frau unterbrach von weitem, fragte, ob sie die Polizei rufen sollte. Der Mann antwortete, sie solle das tun, er möchte eine Anzeige aufgeben, ich hätte ihn belästigt. Bei der Gelegenheit rannte ich los. Auf der Polizeiwache hörte man sich meinen Bericht mit Skepsis an -selbst für Neuköllner Standards war das wohl ein bisschen dicke. Mit dem Streifenwagen suchten sie den Typen – vergebens. Neunzehn Jahre später flaniere ich über die Karl-Marx-Straße die heute auch Galerie ist. Gedichte und Bilder über Pflanzen hängen aus, im Schuhladen läuft Tupac und nebenan strickt eine Künstlerin am rosa Wollkonstrukt – ich schaue ihr noch ein Weilchen zu. In fünfzehn Minuten ist Wohnungsbesichtigung- zwei Zimmer, Dachterasse – 380 Euro warm!

 

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