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Zwischen Disko und Dispo, Folge 80: Szeneclub


Manchmal wünschte ich, ich würde in Stendal wohnen, dann wäre das Leben als Nachtlebenreporter einfacher. Jeden zweiten Samstag würde ich ausgehen, um jeden zweiten Montag in Stendals Stadtmagazin über Stendal’s Nummer Eins Vicki’s Szeneclub zu berichten, von Mister- und Miss-Vicki-Wahlen* oder Kaffeetanz für Junggebliebene. Natürlich wäre die Berichterstattung nicht ganz unabhängig, weil bei Vicki’s für den Reporter alle Getränke aufs Haus gingen zuzüglich einer stillschweigend vereinbarten Summe für jede Erwähnung vom Vicki’s im Journal. Für mich persönlich – aus lauter langer Weile ein bisschen speckig geworden und inzwischen mit dem DJ verlobt – wäre das jedoch kein Problem, weil im ganzen Ort ohnehin nur ein Szeneclub ansässig wär’ – das Vicki’s!

Und wie stehts in Berlin? Erst gestern war ich im Szeneclub – einem von vielen, Eintritt nur über Gästeliste ‚for those who know’- Gastronomen, schöne Mädchen, Schaumschläger, geheimer Ort- sie wissen schon.
Weil in der E-Mail-Einladung keine Adresse angegeben war, sondern nur ein Link mit Standortmarkierung, in dem natürlich der falsche Standort markiert war, suchte ich eine Sackgasse in Mitte ab. Ein überflüssiger Vorgang, wenn man bedenkt, dass so ein Geheim- oder Illegal-Status häufig nur als Illusion für den Gast aufrecht erhalten wird, und neben lukrativen Sponsorenverträgen längst auch Konzessionen da sind. Dem Gast kommuniziert man das aus Rücksichtname nicht weiter, damit der sich beispielsweise nach einem stressigen Tag in der Werbeagentur (oder in der Stadtmagazinredaktion) nach Feierabend ein bisschen verwegen fühlen kann.
Jedenfalls lief der Abend im Chips** super, es gab Drinks für zwei Euro sowie eine Menge attraktiver Menschen auf der Tanzfläche, darunter androgyne Jungs in Spandau-Ballet-artiger Garderobe, Mädchen, schön wie Diane Krüger oder mit sportlich-blondem Kurzhaar wie die junge Brigitte Nielsen. Keiner tanzte – alle stellten dar! Für so was Ähnliches müssten sie im Friedrichstadtpalast 60 Euro bezahlen.
Jemand Gutaussehendes wurde mir an der Bar vorgestellt, er machte Merkwürdiges mit seinem Ohr, das war auf einmal verschwunden. Ich dachte es lag am Alkohol, dann sprach er von Werbeplakaten, auf denen er bald zu sehen sein wird – barfuss und im weißen Anzug , eingerahmt von göttlich-gleißendem Licht. Wie sich herausstellte war der Typ Magier, der seine Tour durch Berlin plant. Einen berühmten Schauspieler habe ich auch getroffen. Ich habe ihn zuerst nicht erkannt- nur seine Schuhe lugten unter einem Vorhang im WC hervor. Szeneclub-Veranstalter bauen hier manchmal die Türen aus, um sie durch eine flatterige Vorhang- Variante auszutauschen. Nach Orlando Bloom war ich dann an der Reihe, wir benutzen sozusagen den selben Lokus – jetzt sind sie platt, ich weis.
Und auch daran erkennt man – übrigens weltweit – einen Szeneclub: an einer obligatorischen Einladung zum Casting. Ich erhielt auch eine – leider nicht für den nächsten Kinofilm mit Brad Pitt – sondern für ein fizzeliges Internetformat, drei Minuten lang und irgendwie ‚Sex and the City’- mäßig, einen Drehbuchautor gibt es nicht. Jetzt wissen sie also, wie der ganze Medien-Quatsch zustande kommt. Und weil ein Szeneclub in Berlin auch nicht viel anders funktioniert als einer in Stendal hab ich sofort zugesagt. Die Visitenkarte stopfte ich, die Handtasche klemmte noch hinterm DJ-Pult, in einen Socken. Irgendwo auf dem Heimweg muss sie dann verloren gegangen sein.

 

 

* Die Veranstaltung wurde leider aus dem Programm genommen. 

 
** Name von der Redaktion geändert

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