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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 81: Badelatschen und Banknoten


Mein Kopf will nicht einsehen, dass ich arbeiten muss, während andere Menschen die Zeit am Strand verbringen. Er will heute nichts zur Themenfindung beitragen, weil er der Meinung ist, dass ich gefälligst das Beste aus meinem Leben machen sollte, und wenn ‚das Beste’ in Deutschland heißt bei 29 Grad im Büro zu sitzen, dann findet mein Kopf das nicht akzeptabel. Er tut sich mit dem unbestimmten Bauchgefühl zusammen und kommt mit einer für seine Verhältnisse ziemlich unüberlegten Forderung. Er möchte, dass wir den Job hinschmeißen, die Wohnung kündigen und umgehend das Land verlassen. Nur er und ich, vielleicht noch ein Koffer mit dem Nötigsten dabei: Badelatschen und ein paar Banknoten.
Normaler Weise funktioniert mein Kopf ganz gut, nur an heißen Tagen gibt es ein Problem mit den Erinnerungszentrum. Das kann er dann nicht mehr aktivieren, sonnst wüsste er nämlich, dass wir mit dem Auswandern bereits so unsere Erfahrungen gesammelt haben. Ich lebte in Israel bei meinem Verlobten. Wir lernten uns vor Jahren auf der Loveparade kennen und wollten schnellst möglich heiraten. Zu diesem Zweck zog ich nach Tel Aviv ins Haus seiner Familie. Es wurde ein Rabbi bestellt, der mir gottlosem Ex-Ossi eine Jüdische Herkunft bestätigen sollte. Basiskenntnisse zur Religion wurde mir in einer Art Crashkurs vom Lover zwischen den Beischlafphasen vermittelt- überhaupt war Sex in unserer jungen, internationalen Verbindung die wichtigste Kommunikationsform und ein Leben ohne gemeinsame Zukunft schien uns belanglos. Nach unserer Heirat würden wir einfach weitermachen wie bisher. Jeden Morgen würde Eyal in roter Latzhose zum familiengeführten Elektriker-Betrieb fahren und ich blieb mit Mutter Ayelet zu Hause. Wir würden auf der Terrasse sitzen, ab und zu einen Skorpion mit dem Hausschuh erschlagen und filterlose Zigaretten rauchen. Abends würden wir dann für unsere Männer das Essen vorbereiten: Humus, Pita-Brot, Hähnchenschnitzel und Coca Cola. Das damals alle paar Monate auf meiner Strecke ins Tel Aviv’er Stadtzentrum ein Bus in die Luft flog, hätte mich nicht abgehalten. Trotzdem sollte ich den Rabbi nie kennen lernen.
Nach vier Monaten wurde ich schwermütig, nahm sechs Kilo zu und blieb nur noch im Bett. Ich sehnte mich so nach meiner Sprache, den Freunden und sogar der Arbeit, dass ich den Verlobten und meinen sommerlichen Lebensentwurf – nichts tun außer Essen, Sex und ein bisschen die Shenken-Street entlang flanieren – aufgab.
Heute will der Kopf davon nichts wissen, es ist ja auch zu heiß zum Nachdenken.
Das Wort ‚Auswandern’ wird am Computer eingegeben. Die Suchmaschine schlägt mehrere hundert Seiten vor, darunter auch jene von Saint Martin, einer klischeehaft anmutenden Insel in der Karibik mit Palmen, menschenleeren Stränden und türkisblauem Ozean – ein Traum! Es wird von optimalem Bedingungen für arbeitsmüde Menschen berichtet, die Lebenskosten hier sind offenbar lachhaft. Zudem wird auf Saint Martin der Müll nicht getrennt und wer will, kann rund um die Uhr besoffen Auto fahren, denn das ist hier legal. Unverblümt wird die Insel als Zentrum für Geldwäsche angepriesen und als Zuflucht für jene, die Probleme mit dem Gesetz haben. Es scheint so, als taugt Saint Martin zum Paradies für Alkoholiker und Schwerverbrecher- wahrscheinlich aber auch für träge Kolumnisten.

http://www.saintmartinfwi.com

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