• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 82: Gärtnern und Raven

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 82: Gärtnern und Raven


Letztens hab ich gelesen, dass Gärtnern in Großstädten im Trend liegen soll. Das kann ich so nicht bestätigen. Der gute Wille mag da sein, doch am Angebot haperts. Ich habe da längere Zeit im preisgünstigen Segment recherchiert und meinen Lebenspartner durch  Kleingartenanlagen in Neukölln, Treptow, bis über die Stadtgrenze hinaus, nach Potsdam geschleift. Ich dachte, es gäbe bestimmt eine Menge Leute um die Dreißig, die wie wir ihren bisherigen Hobbyschwerpunkt  ‚Raven’  auch gerne unauffällig ums ‚Gärtnern’ erweitern würden.
Was soll ich sagen, wir haben diese Menschen nie kennen gelernt. Wir trafen vor allem allein stehende Männer und Hunde, darunter zwei ungepflegt wirkende Zwergpudel Namens Ernie und Bert- Kleingartenhumor!
Die Kolonie in Treptow entdeckten wir durch Zufall. Einem älterem Herren glitt hier vorm Eingangstor die Tüte vom Fahrradlenker, mein Freund hob sie auf und der Mann bedankte sich übereifrig. Vielleicht war es ihm unangenehm, dass wir Einblick in seinen Wochenendeinkauf erhielten, bestehend  aus nichts als Bier und mehreren Flaschen Schnaps. Wir sagten, wir suchen einen Garten und er führte uns zur Parzelle 23. Über die Hecke rief er dem Vereinsvorsitzenden zu: „Werner, ick hab junget Jemüse mitjebracht- Interessenten!“ Werners letzter Clubbesuch lag offensichtlich schon mehrere Jahrzehnte zurück. In Zeitlupentempo bewegte er sich aufs Gartentor zu. Mit knapper Geste wies er uns an, einzutreten. Unser Gang zum Campingtisch wurde von lauter Schlagermusik begleitet. Dann wurde Bier angeboten, die Lage erläutert. Der Kolonie ginge der Nachwuchs aus, wir könnten gerne einsteigen, es gäbe gewisse Regeln, aber na ja – der Chef winkt ab. Die Geste machte uns Hoffung. Wir schauten uns vier Gärten an, einer war hübsch mit alten Obstbäumen vorm Haus. Am Ende überwogen doch die Zweifel:  Menschen so dicht beieinander, die quadratischen Rasenflächen, Werners Musik – wir würden das nicht packen.
 Ein anderer Garten wurde im Inserat mit ‚absoluter Ungestörtheit’ beworben. Beim Besichtigungstermin war es tatsächlich still auf dem Gelände, doch auf merkwürdige Art. Gardinen hinter kleinen Fenstern bewegten sich und wir fühlten uns beobachtet. Der Garten lag am Ende der Kolonie, war groß und verwildert. Während wir uns vorm Zaun berieten wurden wir von den Nachbarn in spe gemustert. Die Frau mit dem grauem Kurzhaarschnitt und der Mann im farblosem Hemd wurschtelten im Gemüsebeet und machten insgesamt einen recht freudlosen Eindruck. Mit ‚Hallo’ eröffneten wir das Gespräch- dann gings los. Man schimpfte über die arrogante Nachbarin aus der Stadt, eine Grafikerin mit gefärbten Haaren, die nicht an Vereinssitzungen teilnahm und  die meinte, man könne hier herkommen und einfach die Beine hochlegen. Wir nickten nur stumm und verabschiedeten uns, unser Interesse am Gärtnern war seither verschwunden. Jetzt hoffen wir auf die Zukunft – mit genügend Geld für eigenes Land oder einem zeitgemäßen Kleingartenmodel –  eine  Kolonie „White Trash“ mit Vereinsvorsitzendem Jake The Rapper zum Beispiel.

Mehr über Cookies erfahren