• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 84: Pankow

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 84: Pankow

 

 

Gerade bin ich nach Pankow gezogen. Wie verzaubert war ich, als ich zum ersten mal im Schlosspark stand, warmer Wind ließ die Blätter der Eichen rascheln. Ich sah Eltern auf Picknickdecken, die ihre glucksenden Kinder gen Himmel hoben und glückliche Hunde, die über blühende Wiesen tollten- sogar die Jogger hier hatten ein Lächeln auf den Lippen.
Alles schien so friedlich und harmonisch, dass ich sofort Teil werden wollte dieses unwirklichen und unhippen Berliner Bezirks, in dem Männer Bärte tragen, weil sie morgens schlicht keine Zeit zum rasieren hatten und nicht weil XY auf dem Cover der Groove letztens mit Bartwuchs posierte. Den Frauen hier ist es auch egal, ob die Jeans ‚slim’ oder ‚baggy’ sitzt, wichtig ist nur das der Arsch reinpasst, denn anders als in vielen zentralen Bezirken trägt die Pankower Durchschnittsfrau, meist mehrfache Mutter, Konfektionsgröße 38 und wirkt trotzdem gut gelaunt. Pankow klingt schon ganz anders als Mitte oder Wedding. Aus offenen stehenden Festern hört man Wellensitiche schimpfen und Kinder Fantasielieder summen. Wäre Pankow Musik hörte es sich an schönen Tagen nach Simon & Garfunkel an (an den anderen nach Puhdys) und wäre Pankow eine Jacke, wäre sie aus organischer Baumwolle, bequem und mit großen Taschen. Kein Wunder also, dass sich hier besonders viele Senioren zu Hause fühlen. Man trifft sie überall. An abgelegenen Tramhaltestellen, wie „Am Idafenngraben“* erkennt man sie schon aus der Ferne an den kleinen Lederhandtaschen, die sie am Handgelenk mit sich führen. Darin steckt ein gebügeltes Taschentuch, zwei Lesebrillen, ein Portemonnaie und ein Reisenähset – Mein 70 jähriger Gesprächspartner verriet es mir letztens, als die Bahn mal wieder auf sich warten ließ.
Im Gegenzug beschwerte ich mich beim Greis. Es war keine Absicht, es sprudelte einfach so aus mir heraus. ich konnte Pankow plötzlich nicht mehr leiden. Es lag wohl nicht am Bezirk, dem Kinder-, Hunde- und Seniorenparadies, sondern mehr an mir – jemanden der eben nicht über Kind, Hund oder Rentenbezüge verfügt. Ich erzählte ihm, wie mein Vermieter letztens an der Tür klingelte mit der Frage, ob ich wirklich so viel Nachts arbeite, wie man im Haus munkelt. Selten kam ich mir so verrucht vor wie an jenem Mittag – im roten Eduscho- Morgenmantel im Türrahmen lehnend. Außenseiter sein macht aber nur gelegentlich Spaß.
Ich beschwerte mich also weiter und fragte den Rentner ob er sich vorstellen kann , wie es ist morgens um sechs betrunken von der Arbeit, also aus dem Club, nachhause zu kommen und im dunklen Hinterhof erstmal über ein Plastiktretauto zufallen. Zwei Stunden später wird man dann vom Rasenmäher geweckt- eine Zumutung!
Der Rentner gibt sich distanziert und schaut auf die Uhr. Nein, sagt er, er könne sich das nicht vorstellen, er besäße zwar auch einen Rasenmäher wohne aber in Charlottenburg. Nach diesen Worten verabschiedete er sich und nahm seinen Weg zu Fuß weiter – wie sie sich denken können, lebe ich weiterhin in Pankow.

Mehr über Cookies erfahren