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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 85: Ankunft im Westen

Geflüchtet bin ich mit meiner Mutter 1989 aus der DDR im Trabant Richtung Prager Botschaft – drei Monate vorm Mauerfall. Meine Mutter wollte eine bessere Zukunft für ihre Familie – ich wollte den Westen, so wie ich ihn aus dem Werbefernsehen kannte:  Coca Cola, Snickers, Fa-Duschgel und  geile Rumpartys an Sandstränden in der Karibik. 

Ein paar Monate später landete ich in Berlin als Tresenkraft in einem fensterlosen Ex-Nazibunker und verstand die Welt nicht mehr. Es wollte mir nicht in den Kopf, wieso die Leute hier – endlich wiedervereint und gemeinschaftlich Bestandteil der anziehenden Glitzerwelt des Kapitalismus – ausgerechnet in einen hässlichen Beton-Bunker zum Feiern einkehren und es benötigte seine Zeit bis ich verstand, worin der Wert am Standort Bunker bestand.
Bis dahin war mein Leben vor Ort von Missverständnissen geprägt. Während ich an meinem schmucklosen Arbeitsplatz noch von künstlichen Welten vergangenen 80er-Jahre-Diskothekenglamours träumte, war die große Mehrheit der Besucher fasziniert von der strengen Authentizität des Gebäudes.
Die Kids der aufkommenden Ravesociety versammelten sich im Erdgeschoss zum Feiern und „E’s“ schmeißen und eine Treppe höher schwadronierten bleiche Typen in Carmouflagehosen,  Gabbafans . Beim tanzen zu maschinengewehrsalvenartigen Bässen erinnerten sie an grimmige ‚Duracell-Häschen’ und ich ahnte bereits, auf flockiges Disco-Ambiente im Haus vergeblich zu warten.

Im Bunker ging es immer ums Ganze – das Ausloten von Grenzen und Regeln, Kontrollverlust und Schmerz.  Die heutigen Berghain-Chefs veranstalteten hier ihre frühen Herren-Sex-Partys „Snax“, während sich ungefähr zeitgleich die SM- und Fetischszene in einer anliegenden Baracke einrichtete, dem Ex- Kreuz-Club.

Samstags traf sich hier erwachsenes Publikum in Gummi oder Lack-Klamotte um den drei speziellen ‚F’ zu frönen: Feiern, Ficken, Fisten. Anfangs hat mich der Anblick schockiert. Für eine Frau, die während hier ausgetragener sexueller Merkwürdigkeiten besonders laut stöhnte, wollte ich sogar den Krankenwagen rufen, zum Glück klärte man mich rechtzeitig auf. Am Ende aß ich mein Pausenbrot inmitten masturbierender und mit Nadeln gespickter Halbnackter, man kannte sich ja.

Manchmal wurden Gynäkologiestuhl und Folterbank an den Bühnenrand gerückt, um Platz für Künstler und ihre Stand-Up-Performanes in „Dr. Seltsam’s Nachtcafe“ zu schaffen- Kleinkunst im SM-Ambiente funktionierte auch ziemlich gut und das Nachtcafe war dauend überfüllt. Natürlich trafen Beteiligte der unterschiedlichen Nischen auch aufeinander. Ich erinnere mich, als eine 1, 80 Meter Blondine einen nackten Mann mit schwarzer Ledermaske, wie ein Hündchen, auf allen vieren an der Leine über den Hof führte, vorbei an einer Gruppe Kids in nassgeschwitzen T-Shirts- Aufschrift: „ Bunker- The Hardest Club On Earth “. Beim passieren der Jungs stoppte die Domina und man grüßte sich, kurz aber freundlich, wie in der Schlange beim Bäcker. Ohne Frage würde mich die Feierkultur in Berlin noch eine Zeit lang beschäftigen.
 

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