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Zwischen Disko und Dispo, Folge 86: WG mit Mutti

Meine Mutter möchte mit mir zusammen ziehen, und Frank Schirrmacher ist schuld. Seit sie mir vor Jahren das von Benanntem verfasste Buch Minimum unter den Weihnachtsbaum legte, war nichts mehr wie früher zwischen uns. Sie hatte sich verknallt in die Schirrmachersche Vision von der Sicherung sozialen Kapitals – wenn schon kein anderes da war – durch die Stärkung des Familienverbundes oder einer ähnlichen Gemeinschaft. Für meine Mutti hieß das zusammenziehen, sofort. Für mich bedeutet das schlechte Laune bei Familienfesten und ständig neue Ausreden finden. Ihre Argumentation ist die von Frank aber sie ist gut. Sie hat ganze Passagen des Buches auswendig drauf.
Natürlich ist  klar, geht es der Mutter schlecht, ist man da, irgendwann, hoffentlich später als früher. Aber mit Mutti eine WG gründen, weil’s Spaß machen soll? – Eine merkwürdige Vorstellung.
Zugegeben, meine Mutter und ich sind aus dem selben Holz geschnitzt.
Wir stehen beide auf Partys und hübsche Männer. Mutti war ein frühes Sozialistisches It-Girl: hart arbeiten,  härter feiern – so hält sie es bis heute. Dabei  ist es nicht immer einfach zu ertragen, wenn die Mutter in Lederkluft von anderen Lederkluftträgern mit der Harley angeholt wird, blos weil  ZZ-Top  in der Stadt sind. Als Tochter findet man so was nicht gut. Es sind Momente tiefer Peinlichkeit, wenn die Mutter beim kleinsten gesellschaftlichen Ereignis mal wieder beweisen muss, das man mit  Mitte Fünfzig immer noch erste auf der Tanzfläche sein kann und übrigens auch dort, wo es gar keine Tanzfläche gibt. Mutti braucht keine Visuals und auch kein „Funktion One“ Sound-System – ihr reicht der Monokassettenrekorder auf dem Tresen beim Italiener.
Möglicherweise finden sie das lustig, mich stimmt das eher betroffen. Immer wieder versuchte ich meiner Mutter zu erklären, dass nur sehr wenige erwachsene Frauen das Bedürfnis verspüren mit ihren Müttern zusammen zu leben. Ich erinnerte sie an die Johns aus dem  Nachbarhaus, über die sie früher so gerne lästerte. Sigrid und Anne John waren Mutter und Tochter mit gemeinschaftlichen Wohnsitz und  wirkten wie Hauptdarstellerinnen eines bizarren Thrillers. Beide trugen die selben platinblonden kurzen Locken und führten jeden Mittag zur selben Zeit Ihre Hunde gleicher Rasse gassi. Sie wirkten nahezu identisch,  nur war eine eben älter. Es wurden auch nie Freunde oder Männer in ihrer Nähe gesehen.
„Das wäre bei uns ja schon anders“- hielt meine Mutter dagegen. Gestern hat sie wieder angerufen. Sie klang euphorisch am Telefon. Sie hat ein Haus besichtigt am Stadtrand mit genügend Platz für mich und meine Schwester- ein günstiger Mietkauf, berichtete sie und dass sie auch schon zugesagt hätte.  Ich denke, ich werde Frank Schirrmacher verklagen.

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