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Zwischen Disko und Dispo, Folge 87: It-Girls


Den meisten Berlinern ist es zu blöd, sich für sie zu interessieren.
Wohl auch, weil die Attraktivität des Titels in den Neunziger Jahren durch Ariane Sommer erheblichen Schaden nahm. – Was sollte schon toll daran sein, sich mit  halbnacktem Arsch in eine Wanne voll Mouse au Chocolat zu setzen?  So ein It-Girl Girl Status ist ja eher schlicht. Die alte Regel ‚Ist nichts, kann nichts, sieht aber aus’ – mag noch in LA oder der Wustermark funktionieren, für Berliner Standards wirkt das eher ‚Fünfziger’.
Wegen mangelnder Nachfrage kann man „Hollywood -It’s“, wie die Lohan angeblich schon zum Schnäppchentarif in die Stadt ordern, für dreißigtausend Euro, so sagt man. Noch schlechter ist es um heimische Ressourcen bestellt. Googelt man ‚Berliner It-Girl’  erscheinen nur wenige Links, einer führt zur Seite der gelernten Kosmetikerin Michaela De Haan, ein weiterer zu Friederike Jahn, einer jungen Regisseurin. Die hausfrauenblonde Michaela modelt ein bisschen, letztere kann was und scheidet damit wegen Überqualifizierung aus – Berlin kann ja so unglamourös sein!

Das war nicht immer so.  Bei der It-Girl-Fachzeitschrift „BZ“ begab man sich ‚uff Recherche’  und machte das erste und wohl auch minderjährigste It-Girl Berlins ausfindig. Um 1780  veranstaltete demnach die damals Sechzehn-Jährige Henriette Herz angesagte Literaturzirkel auf der Szenemeile „Spandauer Straße“. Das gesellschaftliche ‚Who is Who’, darunter die Brüder Humbold oder die Philosophen Schleiermacher und Mirabeau, palaverte hier über die im It-Girl-Kontext eher unvermuteten Themen, wie die Sturm- und Drangwerke Goethes. Nach dem Tod ihres Ehemannes stellte Frau Herz um Achtzehnhundert ihre Aktivitäten als Salonniere ein. Von diesem Verlust hat sich die heimische It- Girl- Branche offenbar nie erholt.
 Ganz anders in New York: hier sind It-Girls Thema, gerade wegen einer gewissen Kari Ferrell, die den Begriff auf ganz eigene Art definierte. Das Partygirl war Stammgast in allen wichtigen Clubs von  Williamsburg und Brooklyn und  jobbte als Assistentin beim Vice-Magazin. Als ein Mitarbeiter die hübsche und großmäulige Kollegin googelte, fand er sie auf der  „Most Wanted“- Seite des Police Departments wieder- gesucht wegen Scheckbetrug, Ladendiebstahl und Urkundenfälschung. Ferrell machte nicht mal vor eigenen Freunden halt, sie stahl Handys und Bankkarten ihrer Liebhaber, erfand Schwangerschaften oder Krebserkrankungen um sich ‚dringend benötigtes’ Geld zu leihen. Einmal dem Partygirl ausgehändigt, wurde die Kohle nie wieder gesehen- Gesamtschaden 60.000 Dollar.
Der New York Observer berichtete mehrseitig, Interviews der Opfer waren in Blogs nachzulesen – Ferrell avancierte zum meistgesuchten Szenegirl New Yorks. Inzwischen verhaftet, macht Kari aus dem Knast weiter Karriere. Sie bloggt über Partygirl-Befindlichkeiten hinter Gittern und hat auch schon reichlich Fans in den USA. Berlinern hingegen ist es zu blöd, sich für It-Girls zu interessieren – meistens jedenfalls.

IT- Girl Henriette H.  

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