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Zwischen Disko und Dispo, Folge 88: Spazieren studieren

Samstagabend in der Straßenbahn kam ich mit ein paar jungen Leuten ins Gespräch, sie stiegen Höhe Schönhauser Allee zu und waren höchstens sechzehn. Wir tranken zusammen Alkopops und es kam wie es immer kommt- man wollte Partytipps von mir. Ich hätte ihnen natürlich das Felix, Matrix oder den Tresor empfehlen können, aber diesmal wollte ich etwas anderes versuchen – als Erwachsener auch mal positiv Einfluss nehmen und zum Nachdenken anregen. In einem verunglücktem Gesprächsbogen kam ich von einer Afterhour-Geschichte aus dem Golden Gate  zur etwas langatmig geratenen Umschreibung der Flaniermeile am Tegeler See und meinem eigentlichen Anliegen,  der Promenadologie – es hätte wirklich besser laufen können.  Leider bin ich kein Pädagoge und die Kidz wirkten bis zum finalen Themenschwerpunkt, Nicole Scherzingers Hair-Extansions, mächtig gelangweilt.
Dabei übertreibe ich überhaupt nicht, wenn ich sage, für Clubgänger ist die Promenadologie, also die Wissenschaft des Spazierengehens, von Interesse.  Den Link hierzu habe ich in einem Internetforum für Raver gefunden, direkt neben Gästelistenanfragen für die Berghain-Kantine und Hinweisen auf schlechte Extasypillen. Noch nie zuvor hatte ich etwas von dieser Spaziergangswissenschaft gehört, war aber intuitiv sofort Fan.

Es sollten ja nicht nur Senioren und psychisch Krankte von der heilenden Wirkung des Spazierengehens profitieren. Gut möglich, dass notorische Diskogänger um die Dreißig den Spaziergang am Montag viel dringender benötigten  als rüstige Vertreter der Generation 70 plus.  Man brauch es ja nur noch mal abzurufen, dieses Gefühl der inneren Leere, des Ausgebranntseins, des schwarzen Lochs im Kopf und des Total-Schadens nach der letzten ‚24-hours-is-not-enought’-Clubtour. Schlimm. Ein Spaziergang am See kann Leben retten!
Allerdings ist dem echten Promenadologen-Profi  der Regenerationsgedanke zu kurz gegriffen, besser gesagt er interessiert ihn überhaupt nicht. Er muss sich viel mehr  konzentrieren, weil er  die Umwelt bewusst wahrnehmen will, um neue Sichtweisen zu entdecken auf die Stadt und ihre Planung. Aus diesem Grund spaziert er auch dort,  wo’s mal nicht gerade schön oder entspannend ist, wie auf dem Gelände des Flughafen Schönefeld oder neben der Stadtautobahn in Tempelhof Richtung Ikea. Es wird sie wohl nicht überraschen, dass man Spaziergangswissenschaften auch an der Uni studieren kann, Fachbereich Architektur- und Landschaftsplanung in Kassel, und hätte ich nicht so viele Termine, ich würde es tun. Vielleicht.  Die Kidz aus der Tram eher nicht. Und so beginnen Promenadologen – Karrieren in Berlin vorerst noch  unfreiwillig. Beispielsweise am Sonntag morgen, beim Verlassen des Clubs. Wenn das Geld für die Rückfahrt schon wieder nicht reicht und man die Strecke nach Hause zu Fuß nehmen muss. Anfangs fluchend, später dankbar für die aufgehende Sonne über menschenleeren Straßenzügen.

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