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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 92: DJ Walter

2010 sollte anders beginnen, als die Jahre zuvor. Nicht schwitzend in der überfüllten Panoramabar, und auch nicht im Kellerclub in Mitte, den Freund am DJ – Pult zusammenstauchend, weil er einen an diesen unpersönlichen Ort schleppte, mit kaputter Heizung und jeder Menge aufgeregter Partytouristen.
Silvester war zum ersten mal seit Jahren ausschließlich für die nächsten Verwandten reserviert, einem kleinen Kreis von zirka sechs Personen. Als Treffpunkt wurde die Hafenklause am Rande Berlins vereinbart und selbstverständlich würde hier keine DJ Größe Ricardo Villalobos auflegen, denn für das Musikprogramm vor Ort war und ist seit nun mehr 16 Jahren ein gewisser DJ Walter zuständig. Ich freute mich auf einen Abend ohne elektronische Musik, ohne Kokain, ohne H&M Schals und ohne moderne Haarschnitte – nur gutes Essen, meine Familie, und ein paar Leute vom Land!
Das Buffet wurde um Zwanzig Uhr eröffnet mit Gulasch, Bergen von Putenschnitzel und halben Eiern garniert mit Thunfischcreme. Um halb neun wurden die Partyhüte aufgesetzt, Tante Elise brachte sie mit und auch wenn der Verdacht nahe liegt ist Elise keine brave Kleinbürgerin, sondern ein Kind der 68er, Fan antiautoritärer Erziehungsmethoden und mit Partner Eberhard in einer offenen Beziehung lebend. Ich habe sie sehr gerne obwohl sie allgemein als anstrengend gilt, ein Vetter beschrieb sie mal als ‚nervlich durchgeschossen’. Jedenfalls trug Elise diesen kleinen Papphut mit Sternen und lachte von Anfang an ein bisschen zu laut. Auch der Rest der Verwandtschaft wirkte unentspannt, man reiste zusammen im Auto an- wer weis, was da wieder vorgefallen war.

Für den besonderen Abend hatte der Chef des Lokals eine 600 Euro teure Lichtanlage gemietet und das urige Interieur flackerte in den irrwitzigsten Lichteffekten. Rechts und links von der Tanzfläche saßen an Tischen ältere Herrschaften mit zusammengekniffenen Augen. Sie beobachteten einen Dackel, der im Zentrum der psychedelischen Lichtshow scheinbar grundlos ‚männchen’ machte. Einzig zufrieden wirkte DJ Walter. Der vielleicht sechzig Jährige trug Countryhalsschmuck und sein schwarz gefärbtes Haar zum Zopf gebunden. Ohne Hektik stellte er die vorbereitete Auswahl an Tonträgern auf: Musik von Christian Anders, Lady Gaga, Kristina Bach oder Frank Zander. Anfangs haben wir noch gelacht, es wurde sogar Discofox getanzt zu Helene Fischer’s: „Die Gefühle haben Schweigepflicht- was ich wirklich denk verschweige ich“ . Dennoch lief in der Hafenklause etwas ganz gewaltig aus dem Ruder – die Musikmischung, das Lichtgeflackere, der Rotkäppchensekt, Elises Lachen – und als gegen zehn ein paar Dorfjugendliche ein Tischfeuerwerk zündeten, war das Anlass für die Tante zum DJ-Pult zu gehen und dem Musikunterhalter ohne Vorankündigung mit der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen. Elise wollte sich auch nicht entschuldigen und wurde des Lokals verwiesen, die Familie folgte wortlos und ich feiere nächstes Silvester wieder in der Panoramabar.

 

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