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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 94: Berliner Nachbarschaft

In meinem Haus leben ausschließlich Frauen – Frauen und Katzen. Warum das so ist, weis ich nicht, bei meinem Einzug bemerkte die Hausverwalterin lediglich: „Hier wohnen nur Frauen, naja,  wem’s gefällt…“ – ich kann sagen, mir gefällt’s. Wir helfen uns gegenseitig mit Leitern und Zigaretten aus, und ich muss mir auch keinen Kopf mehr machen, wenn ich im Bademantel und mit Schlammmaske zum Briefkasten schlappe. Manchmal öffnet Deborah dann ihre Türe im Erdgeschoss und wir plauschen ein bisschen. Ich erzähle ihr  
von der neuesten Cluberöffnung und sie mir vom letzten Besuch im Jobcenter. „Alles Arschlöcher“- sagt sie schon mal, wenn es besonders schlecht lief und nicht selten lautet die Antwort “ Genau wie bei mir.“  – sowas verbindet.
Gute Nachbarschaft steht und fällt mit dem richtigen Verhältnis zwischen Nähe und Distanz, und wie sich ‚zu nah’ anfühlt, lernte ich schon vor Jahren mit Marcel und Dittmar – damals in unmittelbarer Umgebung lebend.
Das junge Pärchen, beide mit Matthias-Reim-Frisur und recht ungepflegtem Erscheinungsbild,  betrieb nach eigener Aussage eine Fotomodelagentur vor Ort – allerdings wurde nie ein Model gesehen.  Sobald ich das Haus verließ standen Marcel und Dittmar im Türrahmen,  bereit, Nachbarschaft und Pressekontakt, also mich,  zu bequatschen.  Ihre Agentur lief offensichtlich nicht besonders und die Promotiongespräche verliefen lang  und eindringlich. Sie stellten auch Geschenke vor meine Tür, darunter gebraucht wirkende Plüschtiere sowie eine Packung “Mon Cherie“.  Am Ende verließ ich nur noch ungern die Wohnung und benutzte lediglich eine kleine, nicht einsehbare Ecke  meiner Zwanzig-Quadratmeter-Terrasse. Marcel und Dittmar riefen dann im fragenden Tonfall rüber,  ob ich da draußen sitze und ich stellte mich tot. Einziger Trost in diesen Tagen bot mein bester Freund, den es noch viel schlechter traf.
Die Geschichte seines Nachbarn klingt wie aus einem Steven-King-Roman. Mister Easyman,  Typ arbeitsloser Bodybilder, wirkte selbst bei zufälligen Treffen im Hausflur äußerst gereizt. Wie schlimm es um ihn stand, davon konnte sich mein Freund des Nachts überzeugen, regelmäßig riss ihn Easymans Gebrüll aus dem Schlaf. Es waren immer die selben Worte: “ Votze, du alte Votze, ich bring dich um!“ – ich hatte es miterlebt und es war wirklich
furchterregend. Mein Freund vermutete, der Nachbar wäre die ganze Zeit allein in seiner Wohnung- einmal konnte er einen kurzen Blick hineinwerfen. In dem schwarz gestrichenen Zimmer standen zwei Schaufensterpuppen und eine Trainingsbank- sonst nichts. Irgendwann klaffte ein faustgroßes Loch in Easyman’s Wohnungstür,  danach war der Nachbar verschwunden. Die Überraschung war groß, als er Monate später an der Tür des Freundes klingelte und sich kleinlaut entschuldigte. Er mache jetzt eine Therapie, sagte er, und das Entschuldigen gehöre dazu. Tatsächlich habe ich nie wieder etwas Schlechtes von Easymann gehört- allerdings ist der Freund mittlerweile auch umgezogen.

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