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Zwischen Disko und Dispo, Folge 95: Dreckstück Vierundachtzig

 


Letztens hatte ich ihnen erzählt, wie schön es sich in Pankow lebt- nun denke ich wieder übers Umziehen nach. Schuld ist das Portal „Nachbarn.de“, was ich im Internet entdeckte. ‚Nette Nachbarn, coole Leute, neue Freunde’ -stand gleich in der Kopfzeile und mein Interesse war geweckt. Um herauszufinden, was sich in der Nachbarschaft tut, muss man sich zuvor anmelden und sein eigenes Profil erstellen. Das war mir überhaupt nicht recht, schließlich wollte ich nichts Persönliches preisgeben sondern mich viel mehr unauffällig informieren- also meldete ich mich unter falschen Namen an und verpasste „Lars630“ ein ziemlich unattraktives Persönlichkeitsprofil: „mag Actionspiele und Gutbürgerlich Deutsche Küche, ist Single, treibt Kraftsport, sieht sich selbst als ‚Weltbeherrscher’ und steht auf ‚nix’“. -Um so überraschter war ich, dass Lars auf breit gestreutes Interesse stieß. Zur Begrüßung meldete sich Dieter, der Hausmeister, mit einem Einkaufsgutschein in Höhe von 50 Euro. „Lila Engel“ sendete gleich mehrere virtuelle Postkarten, mit Nachrichten wie „Hallo, schönen Sonntag! Schneits bei dir auch so viel?“ und als übergewichtiger Kraftsportler, der ich nun mal war, antwortete ich jedes Mal so wortkarg wie möglich, beispielsweise mit„Ne, is nur bewölkt.“. Ich hörte nun häufiger „Radio Nachbarn.de“ – das Webradio zum Portal. Hier führt DJ Schlagerrolli oder DJ Freche Bibi durchs Programm, die sich beim letzten mal mit den Sätzen verabschiedete: “ Dann sag ich mal bis morgen dann… Ne warte mal, morgen bin ich ja gar nicht da…“ woraufhin die ersten Takte einsetzten von Markus Luca’s Discofoxknaller „Jugendliebe“.
Es stellte sich heraus, dass Lars hier, neben sauguter Musik, auch eine Menge Freunde finden könnte , wie „Kuschelkater“, „Teddy 78“ oder „Das Rex“ -ein glatzköpfiger Riese mit winziger Brille, dessen Profilbild vermutlich im Baumarkt aufgenommen wurde. Also schickte ich ihn auf Klingelstreichtour. Hier dient ein ‚Klingelstreich’ der kurzen, wortlosen Kontaktaufnahme, ähnlich dem ‚Gruscheln’ bei Studi VZ oder ‚Anstupsen’ bei Facebook. Zurückgeklingelt hatte niemand – habe nur einen Mordsschrecken bekommen, als Lars wenig später auf dem Profil von Kuschelkater unter ‚Feinde’ gelistet wurde. Im Gegensatz zu anderen Netzwerken, darf man sich bei Nachbar.de nämlich auch öffentlich hassen. Leider wohnt Kuschelkater, falls die Angaben stimmen, nur wenige Schritte weiter und die Sache war mir wirklich unangenehm.
Die Postkarte von „Dreckstück 84“ hat mir dann den Rest gegeben. Auf dem Profilfoto sah man eine selbstbewusste Blondierte, die mehr unlenk als lasziv an einer Fichte lehnte. Sie lächelte feist und trug ein kurzes Negligee, unter dem ihre blassen Schenkel wie überdimensionale Weißwürste hervorlugten. Ihr Beziehungsstatus lautete „verheiratet“ , was sie nicht davon abhielt, Lars Dinge vorzuschlagen, die ich hier nicht wiederholen werde. Zu Sicherung des Nachbarschaftsfriedens hab ich meine Aktivitäten inzwischen eingestellt – Sie jedoch können gern mal kucken unter: www.nachbarn.de

(Alle Namen von der Redaktion geändert)

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