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Zwischen Disko und Dispo, Folge 97: Seniorenmesse

 

 

Kennen sie das, sie wachen auf und fühlen sich unendlich alt? Leider passierte mir das in letzter Zeit häufiger – die langen Partys, der Alkohol, verlorene Hausschlüssel, als letzter Fahrgast an der Betriebsendhaltestelle der „ M1“ geweckt werden – so was zieht ja nicht spurlos an einem vorüber.
Ich beschloss in die Offensive zu gehen und mich in meiner Funktion als Party- und Eventreporter auch mal einer Veranstaltung zu widmen, die mir mit der sich ankündigenden Midlifecrisis nur gut tun könnte. Ich akkreditierte mich also für die Potsdamer Seniorenmesse, einerseits um Informationen zur finalen Lebensplanung zu sammeln, andererseits um mich – ich gebe es zu – an den Gebrechen Anderer ein bisschen aufzubauen. Des Sonntags jung und spritzig fühlen auf der „Vital 50 plus“ könnte so schwer ja nun nicht sein!
Allerdings kam dann doch alles anders, denn vor jedem Sonntag findet eine Samstagnacht statt, man hätte es auch vorher wissen können. Über ein Internetportal verabredete ich mich mit ein paar Leuten, wir kannten uns nicht persönlich. Die Situation war etwas angespannt und wir beschlossen zu trinken: Sekt. Schnell wurde die Stimmung besser und gerade zu euphorisch zogen wir Stunden später weiter ins Picknick. Hier gab’s wieder Sekt, dazu rote Luftballonherzen und betrunkene Tänzer- darunter auch uns. Beim Rauswanken war es bereits hell und um zehn Uhr ging es mir im Bus Richtung Metropolishalle Potsdam nicht mehr sehr gut. Ein aufmerksamer Senior rückte einen Platz weiter und überlies mir seinen Sitz in WC-Nähe. Dann, angekommen in der Messehalle, dröhnte mir Countrymusik entgegen- ältere und jüngere Herrschaften des Vereins „Dancin‘ Devils“ führten gerade eine robuste Variante des Linedance vor. Als ein Grossteil der Messebesucher zum Mitmachen aufgefordert wurde, sprach man mich gar nicht erst an- wohl wegen der ungesunden Hautfarbe. Mit Unmut musste ich feststellen, das es auf der Seniorenmesse an Sitzmöglichkeiten mangelte, und so schleppte ich mich von einem bestuhlten Beratungsstand „betreutes Wohnen“ zum nächsten mit „Frischmilch-Test“, bei dem diverse Sorten zum Probieren bereit standen. Allein der Anblick wirkte verheerend und als man mir an der Infotheke einer Potsdamer Klinik Blut- und Augendruck maß, empfahl man mir anschließend, einen Moment auf der Patientenliege zu ruhen. Aus der Horizontalen beobachtete ich nun Gruppen weißhaariger Menschen in wetterfestem Schuhwerk , lebhaft die Angebote der Messe besprechend. Es ging um Kurreisen, Versicherungen, Trockenobst und alternative Heilmethoden. Viel mehr konnte ich nicht aufnehmen und wegen anhaltenden Unwohlseins nahm ich den nächsten Bus zurück nach Berlin. Auf der Rückfahrt teilten sich Rentnerinnen Streuselkuchen und Kaffee aus Thermoskannen, während ich, mit zittrigen Händen, die neueste Ausgabe der Allgemeinen Seniorenzeitung durchblätterte. „Reich in Rente“ lautete ein Thema, daneben der Buchtipp namens „Internationale Scheidungs- und Heiratsparadiese“ – leise Hoffnung kehrte ein: ab Fünfzig wird ja alles besser.

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