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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 99: Victor und die Westsau

 

Rod StewartLetztens war ich in dieser Bar im Prenzlauer Berg mit seltsamen Namen „Fleischmöbel“. Es war ein guter Abend mit zwei Geburtstagsgesellschaften und einem aufmerksamen Barmann. Vorm Haus stiegen Rauchwolken vom Grill auf und drinnen wurde mit Wunderkerzen bespickter Kuchen verteilt.
Meine Verabredung und ich saßen an der Bar und hatten einiges zu bereden. Gerade wollten wir uns näher kommen, da gesellte sich ein junger Mann dazu, nicht unsympathisch aber in merkwürdiger Stimmung unterwegs. Jedenfalls wurde er nicht müde meine Begleitung zu piesacken, immer in kumpelhafter Manier und leider recht anstrengend auf Dauer. Er, Victor, der Mann aus dem Osten, hatte meine Begleitung aus dem Westen aufs Korn genommen und ließ nicht mehr locker. Es entspann sich ein betrunkenes Gespräch um Bildungsstandards in Ost und West, DDR-Punk und FKK-Kultur und irgendwann fiel das Wort „Westsau“ , ein Späßchen von Victor. Zwischendurch nahm er mich beiseite und fragte was ich, ebenfalls Ossi, eigentlich mit einem Wessi will. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass die alte Ost-West- Diskrepanz noch in der Form existierte, aber siehe da, mitten im Biedermeierbionadezentrum des zugezogenen West-Spießbürgertums , stänkerte ein Ossi verdeckt – zumindest ein letzter. Auf dem Nachhauseweg hab ich mich gefragt, wo der späte Groll herrühren könnte, fand aber keine klare Antwort. Lediglich die üblichen Vorurteile waren wieder da, mit denen ich mich selbst ja auch gerne mal schmücke: Ossis währen die besseren Liebhaber zum Beispiel, oder weniger materiell orientiert, oder der „Besserwessi“ sei arrogant, hingegen der Ossi meist herzlicher … alles Blödsinn – leider! Das Bekenntnis zur ostdeutschen Herkunft fiel jedoch nicht immer leicht.
Ossi sein wäre statusmäßig das Letzte, wurde mir schon Ende der Achtziger Jahre in einer Dönerbude vom zwei Anatoliern bei Schwarztee erörtert und wie deprimierend es sich anfühlen kann, erfuhr ich an meinem ersten Arbeitsplatz in der BRD, als Süßwarenverkäuferin im KaDeWe. Es war direkt nach der Maueröffnung, ich stand am Kaufhausfenster und beobachtete die Schlange vor der Bank gegenüber. Im Visier hunderte Rod-Stewart-Frisuren und Stone-Washed-Jeans, getragen von ehemaligen DDR-Bürgern, die hier ihr Begrüßungsgeld entgegennahmen- danach wurde das KaDeWe angesteuert, unzwar im Dauerlauf! Wenige Minuten später herrschte Ausnahmezustand in der Abteilung . Im Gedränge griffen Ossis mit schokoladeverschmierten Mündern nach Süßigkeiten, verzehrt wurde gleich Vorort, bezahlt häufig nicht. Schockiert beobachtet ich eine Frau, die mit beiden Händen Pralinen aus der offenen Auslage in ihre Tasche schaufelte. Als sie meinen Blick bemerkte, sagte sie nur: „Ja- wir hatten doch nüscht!“ – dann bat sie noch um eine Plastiktüte . Ich gab sie ihr und verschwieg mindestens ein Jahr, dass ich aus der DDR stammte, doch ein letzter Rest Beschämtheit ist bis heute geblieben. Womöglich geht’s diesem Victor auf seine Art nicht anders.

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