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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge Folge 174: Pack deine Sachen, wir hauen ab!

Welche Mauer?

Berlin 1989. Aufgebrachte Menschen fordern: „Die Mauer muss weg!“ Berlin 2013. Tausende skandieren: „Die Mauer muss bleiben!“ – Ja was denn nun? Geschichte kann verwirrend sein und ja, ich war eine der uninformierten Idioten, die da vor der East-Side-Gallery für den Erhalt des Mauerstücks demonstrierten ohne vorher Aktenordner mit Dokumenten von Baubehörden und sämtliche Politiker-Analysen zur Lage gewälzt zu haben. Sozusagen aus einem Bauchgefühl heraus habe ich vordemonstriert und mich anschließend erst informiert – solange ich keine Politik-Journalistin bin, kann ich mir solche Sperenzchen ja leisten…  Jenes Bauchgefühl wurde übrigens durch ein Foto ausgelöst, auf dem Montageleiter Jose B. ein Stück Beton, Türgroß aus der East Side Gallery heraustrennte. Auf der Demo dann war ich zum Glück nicht alleine und Tausende hörten vor der Bühne der Fluchtgeschichte einer gebürtigen Vietnamesin zu. Sie erzählte, wie sie mit ihren zwei Kindern ohne Ehemann aus der DDR mit gefälschten Papieren erst nach Vietnam flog, von dort zurück zur anderen Seite Deutschlands in ein Auffanglager in der BRD. Sie hatte von allen Flüchtlingen dort den weitesten Weg hinter sich. Sie berichtete auch, dass die Leute in Vietnam unsere Geschichte, die Überwindung der Mauer ohne Blutvergießen, als großartig und als eine Art Wunder empfinden. Vielleicht waren wir ja damals sogar im selben Lager. 1989 landete ich zusammen mit meiner Mutter und Schwester in der Bayerischen Kleinstadt Dingolfing in einem Heim für Polnische Gastarbeiter. Wir schliefen in Doppelstockbetten mit blaukarierter Bettwäsche und ich erinnere mich, dass ich von meinem ersten West-Geld eine Haarbürste und ein Bravo-Magazin im örtlichen Supermarkt kaufte.
Am Abend zuvor noch saßen wir in unserem Wohnzimmer eines Plattenbaus, als meine Mutter unvermittelt, nach der „Tagesschau“ zu mir sagte: „Pack deine Sachen, wir hauen ab.“ – Ernsthaft, es gibt keinen besseren Satz, den man einem Teenager mitteilen könnte! Kurz darauf saßen wir im Trabant und rasten durch die Nacht Richtung Tschechoslowakei. Mehr Abenteuer ging nicht! Und dann bekam ich plötzlich Angst. Es war völlig unklar, was an der Grenze passieren würde. Ob sie uns zurück in die DDR schicken oder meine Mutter gleich wegen versuchter Republikflucht verhaften würden und ich mit meiner Schwester in ein Heim müsste. Am Grenzübergang wurden wir dann von Soldaten angehalten. Mein Herz klopfte bis in den Hals. Meine Mutter erklärte, dass wir Urlaub machen wollten in Prag. Sie glaubten uns natürlich nicht. Wir mussten aussteigen und sie haben uns gefilzt. Ich sollte auch meine Sachen auspacken. Nervös hob ich die Tasche aus dem Kofferraum, sie öffnete sich und Haarspray, dutzende Ohrringe und Ketten fielen rasselnd zu Boden. Meine Mutter behauptet bis heute, das hätte uns gerettet. Kein Mensch würde vermuten, das jemand, ausschließlich mit Modeschmuck und Kosmetik ausgestattet, eine Republikflucht plant. Sie ließen uns passieren und gegen drei erreichten wir Prag. Wir parkten auf einem menschenleeren Platz, gegenüber der Botschaft der BRD. Die Gaslaternen des Platzes waren aus und wir konnten in einiger Entfernung Umrisse von Panzern erkennen, deren Kanonenrohre ins Innere des Platzes gerichtet war. Meine Mutter rief „Los! Rennt!“ – Dann Loslaufen. Hinfallen. Aufstehen. Weiterlaufen… Stunden später saßen wir ohne Pässe im Zug Richtung BRD, inmitten schreiender Kleinkinder, vollkommen Überwältigter und vor Glück Weinender.
Als die Mauer fiel, wohnte ich längst in Neukölln und jobbte im Zentrum des Kapitalismus: in der Süsswarenabteiung des KaDeWe. Wenn ich an der Mauer entlang laufe, gehen mir viele Dinge durch den Kopf. Menschen wurden hier erschossen. Meine Familie lebt. Was für ein riesiges, unsagbares Glück! Wir haben etwas Einzigartiges erlebt und die hässliche Narbe im Gesicht Berlins erzählt jeden Tag davon. Mit jedem Stück von ihr, verschwindet ein Stück Identität von mir und von uns allen. Lasst uns behutsam mit ihr umgehen.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Zwischen Disko und Dispo: Folge 174 – Pack Deine Sachen, wir hauen ab!

 

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