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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo: Zimmerspringbrunnen (Folge 64)

Das Waschhaus ist die Nummer eins in Sachen elektronische Musik in Potsdam (Platz 2 bis 10 sind noch unbelegt). Brandenburger Techno-Fans stehen hier selbst bei Schneeregen in der Schlange. Natürlich wäre es großkotzig von mir, an dieser Stelle übers Publikum zu lästern, zumal die Gäste hier auch nicht anders wirken als die im Tresor oder Rechenzentrum. Außerdem ist Potsdam Landeshauptstadt, also bitte. Und man verlässt auch keine Party, nur weil, sagen wir mal, ein paar der Anwesenden ‚irgendwie chemisch‘ riechen, so als ob sich die Jungs vorher den Sack großzügig mit „8×4“-Deo einsprühten (der Vergleich kommt nicht von mir! ).

Das wird schon – beschwichtige ich bei der Ankunft die Reisegruppe, bestehend aus Labelbetreiber K. sowie dessen Kumpel, Musikstudent H.. Der hat sich schnell arrangiert mit der Situation und nimmt mit glänzenden Augen die 15 Freigetränkebons vom befreundeten Veranstalter entgegen, um sie anschließend wie einen Schatz in seiner Hosentasche zu verstauen. Das letzte Mal sehe ich H. dann von der Bar kommend: in der Linken ein gezapftes Bier, rechts die Flasche Becks. Danach ist er verschwunden. Wir suchen ihn auf der Tanzfläche, Backstage und auf dem gesamten Gelände. Stunden später finden wir ihn. Er sitzt draußen, mit dem Rücken an die Hauswand gelehnt. Um seine Beine lagern Plastikbecher, er gestikuliert und lallt wirres Zeug. K. versucht ihm aufzuhelfen, was zuerst auch gelingt. Dann klingelt K.s Handy – reflexartig lässt er los, um den Ruf anzunehmen. Daraufhin geht H. wie ein gefällter Baum zu Boden– K. hilft ihm wieder auf. Dieses Szenario wiederholt sich, bis beide vollständig nass und eingedreckt sind.

Auf dem Weg nach Hause befreit sich H. immer wieder vom stützenden Arm des Freundes. In Schlangenlinien bewegt er sich durch Potsdam und ruft gut gelaunt Unverständliches zu uns rüber. Dann legt er sich am Straßenrand schlafen. Als K. ihn aufrüttelt, wird er sauer, steht auf und beschimpft wild gestikulierend vorbeifahrende Autos. Dabei haut er K. – wohl versehentlich – mit der Faust aufs Auge. Der bemüht sich, die Fassung zu bewahren, H. indes drückt die Blase. Ohne Hektik packt er seine Gerätschaft aus, nuschelt etwas über Aschaffenburg und eine Frau Namens Simone, beginnt zu urinieren, verliert das Gleichgewicht und fällt um. Auf dem Rücken liegend erzählt er immer noch von dem Städtchen in Süddeutschland, wobei aus seiner Körpermitte, wie bei einem Zimmerspringbrunnen, eine kleine Fontäne spru­delt. Fassungslos starren K. und ich auf den Strahl. Wir lachen, obwohl uns mehr nach heulen zumute ist.

Es ist Freitag morgen, und K. muss in zwei Stunden nach Frankfurt, die Mutter wird 50. Mit letzter Kraft verstauen wir H. in ein Taxi. Zum Abschied begleite ich K., inzwischen mit blauem Veilchen, zum Bahnhof. Beim Durchqueren der Einkaufspassagen fällt ihm auf, dass er nicht mal ein Geschenk für die Mutter hat. An einem weihnachtlich geschmück­ten Stand bleibt er stehen. Nachdenklich lese ich auf dem Angebotschild: „Zimmerspringbrunnnen – preisreduziert“.

Foto: mad max /pixelio.de

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