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Zwischen Lust & Lärm: Straßenmusiker in Berlin

Strassenmusiker_FortunateHoldersDas schöne Wetter hat noch mehr Menschen als sonst in den Mauerpark gelockt. Allerdings ist der Flohmarkt längst nicht mehr der einzige Grund, warum sich hier aufgekratzte Touristen und verkaterte Prenzlbergbewohner fröhlich auf die Füße treten. Denn auch Musikliebhaber kommen in dem weiträumigen Gelände auf ihre Kosten. Im hinteren Teil des Parks erklingen jazzige Töne, unter den Bäumen auf der Wiese hat sich ein Soulsänger niedergelassen. Und den beliebten Platz zwischen Straße und Flohmarkteingang hat sich eine junge Band gesichert: Fünf schlaksige Jungs mit wuscheligen Haaren und Chucks, die mit einer ganzen Batterie von Instrumenten eingängige Folkpop-Melodien produzieren. „Fortunate Holders“ (Foto 1) steht auf einem Pappschild, davor haben sie CDs drapiert. Die Jungs sind extra aus den Niederlanden angereist: „Wir sind schon das dritte Mal in Berlin, diesmal für neun Tage“, sagt Sänger Daan. „Wir haben auch ein paar Auftritte in Bars und Kneipen, aber wir spielen ganz bewusst auch im Mauerpark. Die Resonanz des Publikums ist hier toll.“

Daan und Gitarrist Ruud kennen sich bereits seit dreieinhalb Jahren. In der holländischen Stadt Groningen fanden sie drei weitere Musiker und gründeten vor anderthalb Jahren die Band Fortunate Holders. Zwar betreiben sie die Band nur neben ihren Jobs und dem Studium, haben aber bereits die EP „Introspection“ aufgenommen, spielten auf dem Noorderzon Festival in Groningen und leisten sich einen Manager. Die Jungs nutzen ihren Urlaub für den Trip in die deutsche Hauptstadt. Für Daan ist es kein Widerspruch, dass sich gebuchte Auftritte auf Festivals und in Bars mit Konzerten auf der Straße abwechseln. „Uns ist es egal, wo wir spielen, Hauptsache, es macht Spaß. Die Leute hier in Berlin und speziell im Mauerpark sind sehr künstlerfreundlich und auch großzügig“, sagt Daan. „Wir machen zwar keinen Profit, aber die Einnahmen decken zumindest einen großen Teil der Ausgaben für Lebensmittel und das Hostel. Das meiste verdienen wir mit den EPs. Manche geben zehn oder sogar 20 Euro, das ist toll!“ Zwar gehen einige Parkbesucher ungerührt vorbei, aber viele bleiben zumindest für eine Weile stehen oder hören gleich mehrere Songs. Ein Mädchen lässt sich die CD sogar von der Band signieren. „Die Resonanz ist besser als in Holland. Straßenmusik hat dort noch einen eher negativen Ruf.“

Die Zahl der Künstler, die sich mit ihren Instrumenten in U-Bahnhöfe und auf belebte Straßen und Plätze stellen, ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Sicherlich auch im Zuge der ebenso wachsenden Touristenströme, die die Stadt zu verzeichnen hat. Über so positives Feedback, wie es die Fortunate Holders beschreiben, können sich aber nicht alle Musiker freuen. Insbesondere Gruppen, die mit laut schepperndem Tamburin und Akkordeon durch die U-Bahnen ziehen oder den Außenbereich von Bars und Restaurants zwangsbeschallen, ernten immer wieder genervte Blicke. Schließlich gibt es durchaus Momente, in denen auch der lärmerprobte Großstädter seine Ruhe haben möchte. Entscheidend ist aber vor allem die musikalische Qualität – denn nicht jeder Straßenkünstler überzeugt in puncto Gesangs- und Spieltalent. Gut für diejenigen, die sich auf höherem musikalischen Niveau bewegen. Denn sie fallen auf.

StrassenmusikerOberbaumbrueckeNeben dem Mauerpark und klassischen Spielwiesen wie dem Alexanderplatz haben sich auch der S- und U-Bahnhof an der Warschauer Straße und die Oberbaumbrücke als Treffpunkt der Straßenmusikszene etabliert. Insbesondere junge Musiker finden hier ihr Publikum, teilweise ertönen bis spät in die Nacht Pop-, Reggae-, Rap- und Jazzklänge. Um besonders fähige Künstler bilden sich nicht selten große, jubelnde Menschenansammlungen. Seit ein paar Monaten hat auch Saxofonist Stefan Zeemer die Oberbaumbrücke als Bühne für sich entdeckt. Es ist früher Abend, die Brücke ist in das Licht der untergehenden Sonne getaucht. Zeemer ist ein zurückhaltender Typ. Wortlos packt der Berliner sein Instrument aus. Erst mit den ersten Tönen ist sie da, die Leidenschaft. Der Mann mit Bart ist ein echter Virtuose. „Ich spiele seit zwölf Jahren Saxofon, auf der Straße allerdings erst relativ kurz. Angefangen hat alles mit einer Reise durch Spanien und Portugal, die mein Kumpel und ich uns durch Straßenmusik finanziert haben. Das wollte ich auch in Berlin ausprobieren“, erzählt ­Zeemer, der als Freiberufler in der Veranstaltungsbranche arbeitet. „Ich bin auch bei verschiedenen Musikprojekten aktiv, Funk, Afrobeat und Jazz, und habe mit diesen Bands auch gebuchte Auftritte. Aber die Straße ist eine gute Plattform, um verschiedene Menschen zu erreichen. Und auch eine gute Übung für mich als Musiker.“ Und nicht zuletzt eine Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen – denn Konkurrenz ist laut Zeemer für die meisten Musiker hier ein Fremdwort. Er selbst hat vor ein paar Tagen das schwedische Duo „Make Dino Happy“ kennengelernt. Auch sie nutzen ihren Urlaub, um in Berlin ihre Musik und ihr selbst produziertes Album zu präsentieren. Der Berliner und die Schweden fanden sich sofort sympathisch, inzwischen performen sie sogar zusammen. Eine Gitarre, eine kleine Schlagzeugkonstruktion und Zeemers Saxofon – es klingt, als würden sie schon ewig zusammen spielen.  

Doch auch die Stadt hat beim Thema Straßenmusik ein Wörtchen mitzureden. Zunächst einmal legt sie fest, was das überhaupt ist. In einem Rundschreiben des Senats für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz heißt es: „Unter Straßenmusik ist eine an die Allgemeinheit gerichtete Darbietung von Musik unter Verwendung von Tonwiedergabegeräten oder Musikinstrumenten zu verstehen, die nicht im Rahmen einer Veranstaltung (z. B. Straßenfest) oder gegen Entgeld (z. B. Musikdarbietungen zu Werbezwecken) erfolgt.“ Geld von Passanten zählt dabei nicht als „Entgeld“ und darf angenommen werden. Generell gilt, laut Auskunft des Umwelt- und Naturschutzamtes Berlin-Mitte: Wer ein unverstärktes Musikinstrument nutzt, braucht keine Sondergenehmigung, um auf der Straße zu spielen. Kommen Verstärker oder besonders geräuschintensive Instrumente wie Posaune oder Schlagzeug zum Einsatz oder soll eine ganze Band mit diversen Instrumenten auftreten, muss eine Genehmigung beim Amt eingeholt werden, die im Einzelfall über Art und Dauer des Musizierens entscheidet. Eine Genehmigung, die in jedem Bezirk beantragt werden kann, kostet etwa für einen Solokünstler mit elektronischer Gitarre für ein Jahr 65 Euro. Alle Musiker müssen sich aber an grundsätzliche Vorschriften halten: zum Beispiel Abstand zu Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden zu halten und nach einer Stunde Spielzeit beziehungsweise in Fußgängerzonen nach 15 Minuten einen Ortswechsel vorzunehmen.

Auch das Umwelt- und Naturschutzamt Berlin-Mitte bestätigt den deutlichen Anstieg der Straßenmusikerzahlen und weiß darüber hinaus, dass immer mehr internationale Künstler, etwa aus Schweden, Norwegen, England, den USA und vor allem aus Osteuropa, nach Genehmigungen fragen: Wer ex­tra aus dem Ausland käme, wolle in der Regel in Sachen Vorschriften „auf Nummer sicher gehen“. Schwierig wird es vor allem dann, wenn sich Passanten beschweren: Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch darauf, Straßenmusik machen zu dürfen. Für besonders viel Unfrieden sorgt derzeit die Situation in S- und U-Bahnen, in denen das Musizieren grundsätzlich verboten ist. Die BVG erteilt nur für bestimmte Bahnhöfe Genehmigungen. Trotzdem wird im öffentlichen Nahverkehr auf besonders beliebten Strecken täglich musiziert. Weil sich Beschwerden häufen, hat die S-Bahn Berlin GmbH Anfang August angekündigt, mit verschärften Kon­trollen stärker gegen die unerlaubte Beschallung vorzugehen.

OhrbootenEs ist wohl auch das Gefühl für die richtige Lautstärke und das richtige Maß, das das Wohlwollen der Zuhörer sichert. Diese Erfahrung hat auch Ben Pavlidis, Sänger und Texter der bekannten Berliner Band Ohrbooten gemacht, die ihre Karriere auf der Straße begannen. Mittlerweile spielt die vierköpfige Gruppe, die Reggae mit Pop- und Dancehall-Elementen mischt, auf großen Festivals wie Rock am Ring. Dabei zogen der Sänger Ben Pavlidis und sein Kumpel Matze, ein Gitarrist, Ende der 1990er-Jahre zunächst ganz unspektakulär mit einem ziemlich kleinen Song-Repertoire durch die Bars und Cafйs der Stadt. Dabei aber haben sie offensichtlich alles richtig gemacht: „Wir haben immer höflich den Inhaber gefragt, ob wir spielen dürfen. Und auch immer darauf geachtet, dass nicht gerade erst ein anderer Musiker da war und wir nicht zu lange spielen. Dann hatten wir nach drei Stunden im Schnitt jeder 100 Mark, das war ja total okay, wir konnten größtenteils davon leben“, so Pavlidis. „Allerdings war die Situation damals auch noch anders. Es gab viel weniger Cafйs und auch viel weniger Straßenmusiker. Und die, die es gab, hatten oft so etwas Mitleidiges. Wir waren zwei junge Typen mit netten Coversongs und viel Energie, das fanden die Leute gut.“

Nach einer Weile wuchs nicht nur das Können der beiden Musiker, sondern auch ihr Bekanntheitsgrad. Erste Anfragen für private Feiern und Galerieeröffnungen trudelten ein. „Ab 2001 haben wir fast ausschließlich gebuchte Auftritte gespielt.“ Wenig später lernte Pavlidis die zwei anderen Bandmitglieder kennen, sie gründeten 2003 die ­Ohrbooten, die eigene Songs entwickelten und bald einen Plattenvertrag ergatterten. Trotzdem zog es die Band immer wieder auf die Straße, vor allem zum Boxhagener Platz. „Das ist einfach was ganz anderes als auf einer richtigen Bühne. Die Leute bleiben stehen, wenn sie Bock haben, sonst gehen sie einfach weiter.“ Auch heute noch, nach fast zehn erfolgreichen Jahren auf den unterschiedlichsten Bühnen, kommt es immer wieder zu spontanen Straßenkonzerten der Ohrbooten.

StrassenmusikerKirylYasenski_DanielKravitzHohes Niveau, allerdings in einer ganz anderen Musikrichtung, beweisen auch Kiryl Yasenski und sein Kollege Daniel Kravitz: Die beiden Männer spielen in ihrer Heimat Weißrussland im Orchester der staatlichen Philharmonie, Yasenski Geige, Kravitz Kontrabass. An diesem Sonntagnachmittag haben sie die große Bühne gegen den Alexanderplatz getauscht. Den Standort haben sie bewusst gewählt, denn unter dem überdachten Abschnitt am Kaufhofgebäude ist der Klang hervorragend. Wenn die beiden dort eine bekannte Arie von Johann Sebastian Bach interpretieren, bleiben meistens viele Leute stehen, einige summen mit, fast allen huscht ein Lächeln über das Gesicht. „Wir nennen uns das ‚Viel-Spaß-Duett‘, wir wollen den Menschen mit unserer Musik Freude bereiten“, sagt Yasenski, der im Gespräch fast immer lächelt. Er spricht relativ gut Deutsch, da er mehrere Saisons in einem österreichischen Orchester gespielt hat. Der eigentliche Grund des Berlinbesuches des weißrussischen Duetts ist eine gemeinsame Probe mit den deutschen Jungphilharmonikern, mit denen der Geiger über das Internet Kontakt aufgenommen hat. Im besten Falle kommt es zu einer weiteren Zusammenarbeit. „Ich bin jung, ich möchte etwas von der Welt sehen und mit vielen internationalen Künstlern zusammen spielen“, so Yasenski. „Und die paar Tage, die wir noch hier sind, wollten wir so oft wie möglich Musik machen. Meine Motivation ist es, zu sehen, wie die Passanten auf uns reagieren. Wenn man sieht, wie sie sich freuen, dann geht mir das wirklich ans Herz“, sagt er und fasst sich an die Brust. Eine überzeugende Vorstellung.

Geld sei für die beiden zweitrangig, viel mehr als 20, 30 Euro ließe sich in ein paar Stunden ohnehin nicht verdienen. Tatsächlich haben es die Leute hier eiliger als an Plätzen wie dem Mauerpark, es ist kein Ort zum langen Verweilen. Doch das Viel-Spaß-Duett ist zufrieden.
So sind die einen begeistert von Berlins Offenheit und Großzügigkeit, während sich Bands wie die Ohrbooten mehr Freiräume für Straßenmusik wünschen. Ben Pavlidis, der sämtliche Facetten des Musikerdaseins erlebt hat: „In den Köpfen vieler Leute stecken noch Vorurteile, für sie gibt es nur den Penner oder den Superstar. Straßenmusik müsste generell viel mehr Wertschätzung erfahren, denn da steckt jede Menge Potenzial drin!“     

Text: Isabel Ehrlich
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Ruhmesklänge
Dass auch bekanntere Musiker Spaß daran haben, auf öffentlichen Plätzen in Kontakt zu ihrem Publikum zu treten, zeigt in Berlin jährlich die Fкte de la Musique. Auch Bands wie MIA oder Seeed, die sonst für volle Hallen sorgen, spielen dort umsonst und draußen. Tatsächlich gibt es viele erfolgreiche Musiker, die in ihren Anfangsjahren ihr Können auf der Straße erprobten. Das Teenie-Idol Justin Bieber etwa klampfte im zarten Alter von zwölf Jahren auf den Stufen eines Shopping-Centers. Der Sänger Felix Meyer tourte vor seinem Durchbruch jahrelang als Straßenmusiker. Und Loomis Green, Gitarrist in Jan Delays Band Disko No. 1, erfreute früher an der Gedächtnis­kirche Passanten mit seiner Musik. Die bekanntesten Straßenmusiker aber dürfte die Kelly-Family sein. Sie erspielten sich nicht nur zahlreiche Preise, sondern sogar ein ganzes Schloss.

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