tip-Jubiläum

Stadtmagazine als Gegensätze – über die Entstehungsgeschichte von tip und ZITTY

Gegenöffentlichkeit – ein Begriff, den heute kaum noch einer kennt, und der auch nichts mit „alternativen Fakten“ zu tun hat. Gegenöffentlichkeit ist es, was die Urväter der Stadtmagazine im Sinn haben, zuerst in den USA und Großbritannien – die „Los Angeles Free Press“ ab 1964 und die Londoner „Time Out“ ab 1968.

Foto: Jens Berger/ tip Bildarchiv

1968. Mal wieder 68. Linke, anarchistische Studentenprotest-Postillen wie „Linkeck“, „Charly Kaputt“, „Agit 883“ oder „Hundert Blumen“ sind ab diesem Schicksalsjahr die ersten, die in West-Berlin eine Art Gegenöffentlichkeit schaffen wollen. Und das bedeutet vor allem: Gegenöffentlichkeit zur damals allmächtigen „Bild“-Zeitung und ihrer tendenziösen Berichterstattung, vor allem gegen Rudi Dutschke und Co.

Man muss sich die Medien-Situation nur vor Augen führen: 1968 gibt es keine „taz“, nur Springer und eher betuliche Tageszeitungen wie der „Tagesspiegel“ oder das „Spandauer Volksblatt“. Dazu drei Fernsehprogramme und die beiden DDR-Sender. Einziger Lichtblick: der „SF-Beat“ im Radio. Demo-Termine, Kulturveranstaltungen und ähnliches werden nicht über Facebook, sondern mittels Plakaten, Flugblätter oder Mund-zu-Mund-Propaganda weitergegeben, selbst Telefon hat nicht jeder.

Das erste deutsche Stadtmagazin ist der Kieler ­„Ultimo“ Ende 1968, es folgen 1971 der Berliner „Hobo“ (von dem noch die Rede sein wird) und 1972 dann auch schon der tip. ­Wobei man ehrlicherweise bei den frühen tip-Ausgaben nun wahrlich nicht von Gegenöffentlichkeit sprechen kann, die legendäre erste Ausgabe mit Hitchcock auf dem Cover besteht aus acht Seiten, die Hälfte davon sind mit TV-Tipps bedruckt, plus Kinoprogramm einiger weniger Programmkinos und ein paar Kleinanzeigen. Dem Gründer Klaus Stemmler geht es wohl anfangs vor allen Dingen darum, kulturelle Informationen zu bündeln. Es dauert noch diverse Monate, bis man beim tip von echten redaktionellen Inhalten und einer Filmkritik sprechen kann, die den Namen auch verdient.

Die Gründung der ZITTY wiederum hängt eng mit ihrem Vorgänger „Hobo“ zusammen. Dessen Verleger hat offenbar Ende 1976 keine Lust mehr, seine Mitarbeiter zu bezahlen, und so treten einige in den Ausstand. „Die Einführung von Stechuhren für alle Mirarbeiter tat ein Übriges”, erinnert sich ZITTY-Urgrafiker Wolfgang Rügner zum Zehnjährigen 1987. Also entschließen sich Anfang 1977 13 „Hobo“-Mitarbeiter, ihr eigenes Ding durchzuziehen, der Name des zukünftigen Stadtmagazins: ZITTY, „gerade so wie der typische Berliner oder die typische Berlinerin das englische Wort City auszusprechen pflegt“. Oder: „Zitty, wie Europazenter“, so Rügner.

Im Heft Nr 1/1977 heißt es in einer Selbstdarstellung: „Wir machen Berlins erste Stadtillustrierte. Und wir meinen, daß so etwas bisher hier einfach gefehlt hat – eine Stadtillustrierte, die über das informiert, was an anderen Stellen mal zu kurz, mal zu lang kommt. Und die über das berichtet, was überhaupt nicht kommt. Wir sind nämlich unabhängig. Wir gehören keinem Verleger. Deswegen können wir nach allen Seiten offen sein.“

Eine hübsche Anekdote ist jene von der „Fake-zitty“, die der „Hobo“-Verleger drei Tage vor dem Erscheinen der ersten richtigen ZITTY am Montag, den 21. März 1977 unter demselben Namen herausbringt, „Inhalt so gut wie keiner, nur Verschnitte aus rechtsradikalen Schriften und ausländischen Zeitungen“, so der mittlerweile verstorbene ZITTY-Mitbegründer Manfred Hobsch.

Doch das verhindert nicht den rasanten Aufstieg der ZITTY zur großen Stadtillustrierten; die immense Erfolgsgeschichte des tip verläuft parallel, der Markt für Stadtmagazine ist in West-Berlin offensichtlich groß genug für beide Blätter, deren Auflagen bis Mitte der 90er-Jahre kontinuierlich wächst, auf bis über 90.000 Exemplaren pro Ausgabe. Jeden Mittwoch erscheint eines der beiden 14-täglich publizierten Stadtmagazine neu, wobei man trotz mancher kleiner Differenzen meist das „Leben und leben lassen“ propagiert.

Nicht so bei vielen Stammlesern: Die Frage „tip oder ZITTY?“ impliziert mitunter sogar eine Lebenseinstellung und nimmt teilweise Ausmaße wie die Frage „Beatles oder Stones?“ an – hier die ZITTY mit ihrem „Altpapier“ und viel Politik, dort der tip auf Hochglanz mit sehr breiter kultureller Berichterstattung, vor allem über Film. Also Alternative gegen Partypeople? Ökologie gegen Konsum? Für die Mitarbeiter der Blätter weniger. Natürlich ärgert man sich, wenn die Konkurrenz ein großes Thema zuerst aufgreift, oder darüber, dass immer nur der tip die vielen „Computer“-Anzeigen im Heft hat. Aber der Zwist hält sich im Arbeitsalltag in Grenzen. Eine Grenze, die es heute bei GCM Go City Media GmbH , die beide Blätter herausbringt, sowieso nicht mehr gibt.

Mehr Texte zur Geschichte der Berliner Stadtmagazine finden Sie in der Jubiläumsbeilage, die dem tip 07/2017 und der ZITTY 13/2017 beigelegt wird.

Mehr Informationen zur Ausstellung „Berlin.Stadt.Magazin“ in der Galerie Neurotitan

Interview mit den ehemaligen Chefredakteuren Kevin Cote (ZITTY) und Karl Hermann (tip) über alte Rivalitäten, Kreuzberger Biotope und die Zukunft von Stadtmagazinen

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