Literaturfestival

Stadtsprachen: „Weltliteratur aus Berlin“

Mit dem neuen Stadtsprachen-Festival machen Martin Jankowski und seine Mitstreiter Berlins multilinguale Gegenwartsliteratur sicht- und hörbar. Da werden dann auch schon mal internationale Lyriker zu Büroarbeitern

Martin Jankowski

Martin Jankowski, Foto: Berliner Literarische Aktion

tip Herr Jankowski, sie haben das neue Festival „Stadtsprachen“ ins Leben gerufen. Weshalb?
Martin Jankowski Berlin ist seit Jahrhunderten Lebensort für Autoren aller Sprachen. Wir meinen, dass es höchste Zeit ist, die vielsprachige Gegenwartsliteratur Berlins mit einer stadtweiten Aktion sichtbar zu machen, damit das Berliner Publikum vor Augen geführt bekommt, was für eine reichhaltige Literatur Berlin hervorbringt.

tip Wir – das heißt?
Martin Jankowski Das Netzwerk freie Literaturszene Berlin (NFLB), das sich seit drei Jahren in der Stadt aufbaut. Wir verstehen uns als kulturpolitische Institution zur Interessenvertretung von freien Autoren und Literaturproduzenten. Wenn es etwa um die Akquirierung von Fördermitteln geht – für Veranstaltungen oder Räume – fiel die Literatur bislang oftmals hinten runter. Das wollen wir ändern.

tip Aber braucht Berlin dafür wirklich noch ein weiteres Literaturfestival?
Martin Jankowski Berlin braucht dringend eine Stärkung der freien Literaturszene. Wir haben nicht vor, die „Stadtsprachen“ als Festival zu einer Dauerinstitution werden zu lassen, da ist uns die Routine anderer Kulturprojekte dieser Stadt eine deutliche Warnung. Wir wollen vielmehr die öffentliche Präsenz der internationalen Berliner Autoren dauerhaft im Alltag verankern und ein Bewusstsein für die vielsprachige Gegenwartsliteratur der Stadt schärfen. Berlin wird in aller Welt doch vor allem deshalb so geliebt, weil die Szene hier bunter, lebendiger und weltoffener als anderswo ist.

tip Wie grenzen Sie sich zum Beispiel vom Internationalen Literaturfestival Berlin ab?
Martin Jankowski Vom ILB müssen wir uns nicht abgrenzen – wir ergänzen es. Außerdem soll es nur eine Festival-Ausgabe der „Stadtsprachen“ geben.  Es werden künftig andere Formate folgen, etwa Veranstaltungsreihen oder Symposien – auch in Zusammenarbeit mit klassischen Literaturinstitutionen.

tip Der Lesungen-Markt ist eng, es herrscht eher ein Überangebot. Wie gehen Sie damit um?
Martin Jankowski Unsere Basis ist weder der mediale Literaturbetrieb noch der Eventmarkt. Wir sind ein nichtkommerzielles Projekt, das aus der Kraft der überaus vielfältigen freien Szene dieser Stadt gewachsen ist. Berlin besitzt, wie ich aus langer internationaler Erfahrung sagen kann, eine der weltweit einflussreichsten und lebendigsten freien Literaturszenen überhaupt – und zudem ein geradezu unersättliches, abenteuerlustiges Publikum, dessen vielsprachige Bedürfnisse im Literaturbereich sträflich ignoriert werden.

tip Wie vernetzt sind die internationalen Autoren bei uns?
Martin Jankowski Erstaunlich gut – allerdings vor allem in ihren eigenen Sprachräumen sowie in den jeweiligen hier ansässigen Sprach-Communities. Die verschieden Sprachgruppen untereinander sind eigentlich gar nicht vernetzt. Hier werden die Diskursveranstaltungen der „Stadtsprachen“ werktags nachmittags sowie die „Polylinguale“, das abschließende Forum am 5. November, versuchen, ein zukunftsfähiges Netzwerk zu knüpfen.

tip Die „Polylinguale“ ist eines von verschiedenen eher ungewöhnlich Formaten – es wird dort kaum gelesen.
Martin Jankowski Nein, es gibt kleine Performances, Workshops und Diskussionen. Es geht in diesem Forum darum, die Vernetzung zu realisieren.

tip Ein anderes Format ist die „Language Factory“, in der die in Berlin lebenden Lyriker Cia Rinne, Tomomi Adachi, Roberto Equisoain, Andrej Hočevar und Haukur Már Helgason Texte im Bürotakt „fabrizieren“!?
Martin Jankowski Ja, und der Ausgang ist ganz offen. Die Lettrétage hat fünf professionelle Lyriker eingeladen oder vielmehr wie Büroarbeiter angestellt. Sie müssen eine Woche zusammen Literatur „produzieren“, zu Bürozeiten – und das in Sprachen, die sie untereinander nicht verstehen. Ein spannendes Experiment. Und wenn zur Aufführung ein toller Text dabei herauskommt, ist das phantastisch.

tip Weshalb kommen Autoren aus aller Welt nach Berlin?
Martin Jankowski Hier trifft man jede Menge Gleichgesinnter. Anders als in anderen Großstädten dieser Welt geht es seltener um Geld und öfter um Ideen. Berlin spricht viele Sprachen – momentan mehr als 120 – und bietet verschiedenste kulturelle Biotope. Berlin ist ein Ort der Möglichkeiten. Die Franzosen oder die Ungarn etwa scherzen, dass ihre Gegenwartsliteratur derzeit hauptsächlich in Berlin geschrieben wird – und da ist tatsächlich etwas dran.

Martin Jankowski diverse Orte, Fr 28.10.– Sa 6.11.2016, weitere Informationen unter www.stadtsprachen.de

Highlights

Literarischer Auftakt
Mit der Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo, Bora Ćosić, Kinga Tóth
Pfefferberg Haus 13, Fr 28.10., 20 Uhr

Berlin liegt im Osten  
Mit osteuropäischen Berliner Autoren, u.a. Kinga Tóth, Alexander Delphinov, Ewa Maria Slaska
Brotfabrik, Mo 31.10., 17 Uhr

Literatürk… ?  
Mit türkischstämmigen Autoren, u.a. Deniz Utlu, Göksu Kunak, Menekşe Toprak
PANDA-Theater, Mi 2.11., 20 Uhr

The Language Factory  
Mit Lyrikern, u.a. Tomomi Adachi, Haukur Már Helgason, Cia Rinne
Lettrétage, Sa 5.11., 20 Uhr

Stadtsprachen expressional
Literarischer Festivalabschluss, u.a. mit Lady Gaby, Federico Federici, Aitokaiku
Ehemaliges Stummfilmkino, Gustav-Adolf-Str. 2, Weißensee, So 6.11., 20 Uhr

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare