Berlin Art Week

STATISTA im Haus der Statistik – zur Berlin Art Week offen für alle

Alles Andersplatz. Der Schriftzug oben auf dem Dach des ehemaligen Hauses der Statistik am Alexanderplatz ist sicher schon vielen aufgefallen. Wenn die Pläne der an einer Wiederbelebung des seit 2008 komplett leerstehenden Gebäudekomplexes beteiligten Projektpartner aufgehen, könnte dieser bislang eher tote Winkel tatsächlich mit Kunst, Kultur, Räumen für die Allgemeinheit, bezahlbaren Wohnungen und Ateliers neu und aufregend belebt werden. Und der neue Sitz des Rathauses Mitte kann das Haus zudem noch werden, groß genug ist es

Haus der Statistik, Foto: Victoria Tomaschko

Auslöser dieser schon 2015 begonnenen Entwicklung, die Senat, Bezirk, die WBM (Wohnungsbaugesellschaft Mitte), die BIM (Liegenschaftsverwaltung des Senats) und die Initiative Haus der Statistik in der Koop5 benannten Kooperation zusammenbrachte, war eine Kunstaktion der Allianz bedrohter Atelierhäuser (AbBA). Auf einem großen, an der Fassade des leerstehenden Hauses der Statistik angebrachten Plakat proklamierten sie: „Hier entstehen für Berlin: Räume für Kultur, Bildung und Soziales“. Seit diesem interventionistischen Anfang ist die Initiative „Haus der Statistik“ auf einem guten Weg, in Zusammenarbeit mit den anderen Beteiligten auf dem großen Areal einen neuen Kurs in der Stadtentwicklung zu gehen. Zusammen mit Neubauten und der Renovierung des Altbestandes sollen rund 100.000 Quadratmeter Flächen für Verwaltung, bezahlbares Wohnen, Kunst, Kultur und Soziales entstehen.

Wiedereroberung in Mitte

Als wäre das nicht schon ungewöhnlich genug, haben erste Pionierprojekte, wie das hier genannt wird, schon ihre Arbeit aufgenommen – auch in ständigem Austausch mit den Anwohner*innen, die mit in den Prozess einbezogen werden sollen. „Wir versuchen, Mehrwert für alle zu schaffen“, sagt Harry Sachs vom Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U), der von Anfang an in der Initiative engagiert war. Dabei geht es nicht nur um eine andere Form der Stadtplanung, sondern auch um die Wiedereroberung eines Ortes für die Gemeinschaft im zentralen Berlin in Zeiten des Immobilienbooms.

Anlässlich der Berlin Art Week bietet sich vom 11. bis 16. September jetzt auch der erweiterten Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich ein genaueres Bild von diesem Projekt zu machen, von dem man in den nächsten Jahren sicher immer wieder hören wird. In einer Zusammenarbeit der Kunst-Werke mit dem ZKU werden mit dem Projekt „STATISTA“ verschiedene künstlerische Projekte und Events in den Räumen des Hauses vorgestellt. Das wird  ganz sicher ein Höhepunkt der diesjährigen Berlin Art Week – und wenn auch nur, um endlich mal einen Blick in dieses Gebäude werfen zu können, das da an der Ecke Otto-Braun-Straße und Karl-Marx-Allee seit einer gefühlten Ewigkeit mit herausgeschlagenen Fenstern vor sich hinrottet.

Unter diesem Aspekt ist es auch höchst begrüßenswert, dass es eben nicht nur Kunst, Konferenzen und künstlerische Interventionen, sondern nach der Eröffnung am 11. September bis zum 16. September auch tägliche Führungen durch das Haus gibt. So wird auch all denjenigen, die sich ansonsten vielleicht nicht so für die vorgestellten Kunstprojekte interessieren, ein Angebot gemacht, sich dieses utopisch aufgeladene Großprojekt aus der Nähe anzusehen.

Die jetzt unter dem Dach von „STATISTA“ vorgestellten Projekte arbeiten teilweise schon seit Mai dieses Jahres in den Räumlichkeiten und beackern zehn verschiedene Aktionsfelder, die sich alle um „künstlerische Prototypen für eine auf Gemeingütern basierende Stadtgesellschaft“ drehen. Anders ausgedrückt: Hier wird Utopiearbeit geleistet, die zu erforschen versucht, wie ein gemeinsames und partizipatives Zusammenleben in dieser Stadt zukünftig möglich sein kann.

Sehr schön diesem Anspruch entspricht das Projekt Musterhaus der Statistik von openBerlin und KUNSTrePUBLIK, die im Innenhof einen alten Autoscooter in einen multifunktionalen Gemeinschaftsort transformieren. Das Ganze bezeichnen sie in Anlehnung an die DDR-Vergangenheit des Ortes als VEGB (Volkseigener Gesellschafts Betrieb). Mit Beecoin erstellt eines der Projekte sogar eine alternative Kryptowährung, die per Algorithmus an das Wohlergehen von Honigbienen in der Stadt gekoppelt ist. Mit Synanthropie, also der Anpassung von  Tier- oder Pflanzenart an menschliche Siedlungsbereiche, sowie der Inter-Spezies-Beziehungen wiederum beschäftigt sich das vom Künstlerkollektiv k3000 initiierte Projekt „Falling Wild“ in Form eines Dokumentarfilms. Gespräche mit Akteuren aus so unterschiedlichen Bereichen wie dem  Naturschutz, der Bauindustrie und der Biologie thematisieren Tiere als Akteure im Stadtraum.

Daneben gibt es Aufführungen des „STATISTA“-Chores und eine große, internationale Konferenz mit unabhängigen Projekten aus aller Welt, die sich mit der Gestaltung des öffentlichen Raums beschäftigen. Der Besuch aller Veranstaltungen ist kostenfrei, und das Programm kann auf der Webseite allesandersplatz.de eingesehen werden. Zur Teilnahme an manchen Veranstaltungen wie der Konferenz ist allerdings eine vorherige Anmeldung erforderlich. 

Haus der Statistik Otto-Braun-Straße 70–72, Mitte. Präsentationswoche vom 12.–16.9.: Führungen, Events, Konferenz und künstlerische Interventionen u.a. mit openBerlin, KUNSTrePUBLIK, k3000, raumlaborberlin & Bernadette LaHengst, ZK/U und KW Institute for Contemporary Art, große Eröffnung am 11.9. ab 19 Uhr, Programmdetails unter: allesandersplatz.de