Musik & Party in Berlin

Störfaktor Handy

Wo früher Feuerzeuge in den Händen begeisterter Zuschauer leuchteten, strahlen heute vornehmlich Handydisplays die Konzerthallen aus. Der Fan 2.0 betrügt sich damit vor allem selbst.

Die-AerzteDie letzte Zugabe ist noch nicht gespielt, da hat sich die vorläufige Setliste schon ihren Weg ins Internet gebahnt. Erste Mitschnitte sind auf Videoportalen zu finden. Auch wie die Band aussah, was das Bier und die T-Shirts kosteten, ist im Netz zu lesen. Die Informationen stammen von keiner Promo-Agentur oder der Band selbst – sie kommen aus dem Publikum, das sie noch während des Konzerts über soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und YouTube verbreitet: von den Fans 2.0.
„Wisst Ihr, was anders ist?“, fragte kürzlich Farin Urlaub, Gitarrist von Die Ärzte, auf einem Konzert. „Früher konnten wir Scheiße erzählen und das wussten nur ein paar tausend Leute. Heute weiß es die ganze Welt.“ Tatsächlich wird heute bei Konzerten fast alles dokumentiert. Spätestens, wenn die Künstler auf die Bühne kommen, schießen hundertfach Handys in die Höhe. Wo früher Feuerzeuge für Stimmung sorgten, strahlen nun Handyrücken kühl den Wunsch in den Raum, das Erlebte für immer festzuhalten. Zahllose erleuchtete Displays zeugen davon, dass Heerscharen von Fans offenbar mehr Interesse am Gelingen des Bildes als am Erleben des Moments haben. Einige Künstler reagieren bereits darauf. Farin Urlaub etwa unterbrach gar ein Konzert: „Wir warten kurz und lassen euch Zeit zu twittern, zu bloggen und den Status zu aktualisieren.“

Auch Eric M. Landmann, Manager der Beatsteaks, hält die Filmerei für „stimmungstötend und absurd. Man hat nichts mehr vom Konzert, nur weil man den Moment in eine Kiste bannen möchte. Dabei kann doch eine Aufnahme niemals dieses Live-Erlebnis festhalten“. Doch die Erinnerung ist es nicht allein, was die Fans antreibt. Einträge bei YouTube verraten, dass oft mehr dahintersteckt als der Wunsch nach einem medialen Souvenir: „Wer sich über die Position der Aufnahme wundert: Ich stand auf der VIP-Loge“, schreibt ein Nutzer bei YouTube zu seinem Video. Der Hinweis verrät die eigentliche Intention des Filmens: sich damit zu profilieren, Bilder zu haben, die sonst keiner hat, und speziell diese im Netz zu teilen. Besonders absurd wird es deshalb gerade dann, wenn die Künstler groß, die Hallen aber ausnahmsweise einmal klein sind, wie zuletzt bei der Geheimtour von Die Ärzte oder auch beim Auftritt der Beatsteaks im Huxleys. Anstatt die Intimität der kleinen Hallen zu nutzen und die seltene Nähe zur Band zu genießen, schießen gerade hier Telefone in die Luft und zerstören die reale Nähe durch den Blick durchs Objektiv.

BeatsteaksSo wird eine künstliche Distanz geschaffen und eine Sicht, wie sie danach jeder bei YouTube abrufen kann. Die Fans betrügen sich so selbst um ein besonderes Erlebnis und verschenken es an ein paar Megabytes. Doch auch für die Künstler hat die mediale Kontrolle und Verbreitungsgeschwindigkeit Konsequenzen. Jeder Patzer wie etwa eine auf der Bühne stürzende Mariah Carey oder Lady Gaga ist ruckzuck weltweit zu sehen. Was im besten Fall noch PR für einen Künstler ist, ändert sich schlagartig, wenn echte Reinfälle publik werden, etwa Auftritte wie der von Usher in der O2 World, der nach hilflosen Minuten auf der Bühne das Konzert abbrach. Die dazugehörigen Videos bei YouTube haben über 350?000 Klicks. Doch es ist vor allem die Möglichkeit zur Diskussion und zur  Bewertung, die selbst für etablierte Musiker eine Gefahr im Netz darstellt: Nachdem Die Ärzte bei einem Konzert nach 90 Minuten von der Bühne gingen, wurden sie von den Fans in der Halle beschimpft. Im Internet bäumte sich die Welle der Entrüstung weiter auf. Ein Großteil der Besucher des folgenden Konzertes wusste vom Eklat zuvor. Die Ärzte dehnten daher die Spielzeit aus und vermieden so neuerliche Proteste. „Wie viele Sterne gebt Ihr uns bei YouTube?“, fragte Urlaub danach in die Menge, wohl wissend, dass auch dieses Konzert wieder minutiös im Netz dokumentiert und diskutiert werden würde.

Die Dokumentationswut und Jagd nach besonderen Bildern ist jedoch nicht nur den Fans vorbehalten. Viele Bands greifen wie die Beatsteaks selbst zur Kamera, teils für Videoblogs, teils für kommerzielle DVDs. Wer sich als Fan von den Bandkameras gestört fühlt, ist mitunter selbst schuld, wie Landmann erklärt: „Natürlich möchte ich von den Beatsteaks eigentlich nur Videos im Internet sehen, die toll klingen. Deshalb geben wir uns bei dem, was wir produzieren, so eine Mühe, um den schlechten Filmen bei YouTube etwas entgegenzustellen.“ Dem Großteil der Fans wird es recht sein, ist es doch ein bequemer Weg, medial mit der Lieblingsband verbunden zu werden. Ein Höchstmaß an Absurdität erreicht die beidseitige Filmerei aber dann, wenn Bands zur Kamera greifen und ihre Fans filmen, wie diese gerade die Band filmen, weil die ja gerade die Fans …

Ein Ende der Handyhorden ist indes kaum absehbar, auch wenn auf vielen Konzertkarten der Hinweis steht, dass das Mitbringen von Videokameras verboten ist. „Das ist kaum zu machen“, sagt Landmann. „Da ist es der bessere Weg, wenn Arnim sagt: ‚Legt die Dinger weg, tanzt und habt Spaß.‘ Wenn die Band irgendwann aber mal nur noch für die Linse spielt, dann wäre eine Grenze erreicht. Denn der Mittelpunkt sollte das Konzert sein und nicht das Gerät.“ Dass diese Befürchtung berechtigt ist, musste auch Farin Urlaub schon bemerken: „Ja, Ihr klatscht“, rief er ins Publikum, „aber nur mit einer Hand an den Arm, denn in der anderen Hand läuft das Handy mit!“

Nadine Kleber

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