Reportagen

Storys aus dem Nahen Osten

Der Berliner Reporter Fritz Schaap veröffentlicht mit „Hotel Istanbul“ sieben Storys aus dem Nahen Osten und stellt sich damit in die Tradition des New Journalism – ein deutscher Hunter S. Thompson

Foto: Christian Werner

Kilis ist ein grauer Ort im türkisch-syrischen Grenzgebiet, durch den man normalerweise nur schnell durchfahren würde. Flache Kastenhäuser, neonbeleuchtete Shops, die Menschen auf der Straße gehen geduckt. Es gibt zwei Hotels in der Stadt. Eines davon ist das Hotel Istanbul, das dem Buch des Berliner Journalisten Fritz Schaap seinen Titel gibt. Die Geschichten aus dem Nahen Osten handeln von jungen Damaszenen kurz vor dem Kriegsausbruch und von kommunistischen Schnapsbrennern in Gaza, von verlorenen Palästinensern in Israel und idiotischen Amerikanern in Ägypten, von den Besuchern des Café Hurreya in Kairo und entführten Flüchtlingen im Sinai. Und eben von jenem „besoffenen Panoptikum von Egos“, die im Hotel Istanbul logieren und als Protagonisten einer der unglaublichsten Geschichten dienen, die man aktuell aus dem Nahen Osten lesen kann.

In der Lobby jenes Hotels thront der Syrer Ahmed, der jedem Gast mit seiner Skype-Pornosammlung auf die Nerven geht und beständig von rothaarigen Schönheiten schwärmt. Damit scheint er aber nur von seiner eigentlichen Tätigkeit abzulenken, denn Ahmed ist ein Fixer. Für von allen guten Geistern verlassene Amerikaner und Europäer organisiert er Tagestrips ins benachbarte Syrien, auf dass diese mal ein bisschen Krieg schnuppern und ein paar Selfies vor Häuserruinen oder Panzerskeletten machen können. „Die wollten ‚einfach mal sehen, wie Krieg aussieht, wollten das Schwarz-Weiß aus Leben und Tod“, erinnert sich Schaap kopfschüttelnd. „Die lassen sich morgens nach Syrien schmuggeln, werden dann von Guides an die Kampfherde oder nach Aleppo gefahren und kommen abends zurück, um beim Bier mit ihren Abenteuern zu prahlen. Da saß ich oftmals da und wusste einfach auch nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll.“

In seinen sieben Geschichte ist der 36-jährige Autor weniger direkt. Er urteilt nicht über seine Protagonisten, er stellt sie nur vor. Er wolle „Geschichten von den Leuten erzählen, die ich in Bars, auf der Straße oder im Gefängnis getroffen habe, ohne dass diese Geschichten gleich in einen größeren Kontext eingeordnet werden“, erklärt Schaap. „Ich hoffe, auf diese Weise so etwas wie ein emotionales Verständnis für diese Länder zu schaffen.“ Zumindest bekommt man einen empathischen Zugang zu den Figuren. Was man mit diesen Erzählungen macht, muss jeder selbst entscheiden. Wobei „Erzählung“ in diesem Kontext kein unproblematischer Begriff ist, weil er ein literarisches Feld öffnet, das nur bedingt bedient wird. Wie bei Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch stellt sich hier die Frage nach dem Literarischen im Dokumentarischen. Denn Schaaps packende Geschichten lesen sich wie journalistische Reportagen. Den Autor stört das nicht, er will mit diesen „auf dem schmalen Grat zwischen Literatur und Reportage“ angesiedelten Texten eine größere, eine „literarische Wahrheit“ abseits der Fernsehbilder sichtbar machen. Dabei sieht er sich in der Tradition von Hunter S. Thompson, Norman Mailer und Co. Wie sie erzählt er bewusst ausführlich und nutzt die Ich-Perspektive, um die Wirklichkeit im Nahen Osten authentisch nahezubringen.

Früher war Schaap Barkeeper, bis er anfing, für die „Berliner Zeitung“ über das Berliner Nachtleben zu schreiben. Inzwischen zählt er zu den besten deutschen Reportern seiner Generation. Zahlreiche nationale und internationale Preise hat er bereits erhalten. Gerade ist er beim Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus für eine Reportage aus Syrien ausgezeichnet worden. Seine Texte erscheinen im „Spiegel“ und im „ Zeit-Magazin“, in der „NZZ“ und der „Süddeutschen Zeitung“.

Wie kaum ein anderer kommt er mit den Menschen, über die er schreibt, ins Gespräch. Seine Grundregeln dabei lauten: allen mit Respekt begegnen. Den Gesprächspartnern den Freiraum geben, ihre Geschichte zu erzählen. Sich Zeit nehmen. Das Ergebnis sind lebendige Texte, die nicht einfach nur informieren, sondern auch vom Leben erzählen.

Fritz Schaap hält wie ein Chronist Gefühlslagen und Abscheulichkeiten fest, die sonst der Welt verborgen bleiben. Diesem selbst erteilten Auftrag fühlt er sich verpflichtet. „Irgendjemand muss das machen, gerade an Orten, wo nicht so viele Leute hinkommen oder hinsehen. Sonst ist später nicht bekannt, was dort passiert ist.“

Hotel Istanbul von Fritz Schaap, Knaus, 272 S., 18 €

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