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„Strassenfeger“ gegen Bettelbanden

Die Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“ geraten zusehens in Konflikte mit Bettelbanden. Dagegen tragen sie jetzt grüne Westen – eine Verzweiflungsmaßnahme

Straßenfeger-Verkäufer
Foto: Juliane Ibold

Sie ist wieder da. Zwei Meter neben Rüdiger steht sie, als er sich mit seinem „Strassenfeger“-Stapel vor dem Supermarkt-Eingang aufbaut. Ein zierliches, zerbrechlich wirkendes Mädchen, höchstens 15, 16 Jahre alt, südosteuropäisches Aussehen. Mit einem Pappbecher in ihren Händen. Und dem „Strassenfeger“, den sie anbietet. Genau wie Rüdiger. Nur dass er, 47, obdachlos, zum Verkauf berechtigt ist. Das Mädchen nicht.
Ein Freitagnachmittag vor dem Rewe-Markt in der Schivelbeiner Straße in Prenzlauer Berg. Vorher hat sich Rüdiger, 47, eine grün-gelbe Weste übergezogen, wie sie registrierte Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“ neuerdings tragen. Zu ihrem eigenen Schutz. Und zur Bürgeraufklärung.

Denn seit Monaten, so heißt es beim Verein „mob – Obdachlose machen mobil“, komme es  zu Konflikten der „Strassenfeger“-Verkäufer mit Bettelbanden aus Rumänien oder Bulgarien. Die Rede ist von Pöbeleien, Diebstählen, Agressionen,  Schlägereien. Und Rüdiger vermutet, dass auch das Mädchen am Rewe-Eingang Teil einer Bettelbande ist.
Für den „Strassenfeger“ werden die Konflikte zunehmend zu einer Existenzfrage. Die Obdachlosenzeitung ist eines von fünf Hilfsprojekten des Vereins, sie kostet 1,50 Euro, wovon dem Verkäufer 90 Cent verbleiben und 60 Cent an mob e.V. gehen. Damit finanziert der Verein eine Notübernachtung für obdachlose Menschen in der Storkower Straße in Prenzlauer Berg sowie den Druck der Zeitung. Wer den „Strassenfeger“ verkaufen will, darf nicht betteln, braucht Grundkenntnisse der deutschen Sprache und versichert, die Zeitung nicht in berauschtem Zustand anzubieten.

Immer wieder bekommt Mara Fischer, Vorstandsvorsitzende des Vereins, Anrufe von Bürgern, die sich über nicht autorisierte aggressive und penetrante Verkäufer beschweren, teilweise zehn bis 15 Anrufe und bis zu zehn E-Mails am Tag, sagt sie. Auch würden Bettel-Verkäufer die „Strassenfeger“-Verkäufer vertreiben, teils mit Beschimpfungen und gewaltsamen Übergriffen.
Oft seien sie zu zweit unterwegs, erzählt Rüdiger: „Einer lenkt das Opfer mit dem ,Strassenfeger’ ab, während der andere die Geldbörse klaut.“ Sein 74-jähriger Freund Siggi sei bereits dreimal bestohlen worden. Angeblich wurde sogar mal jemand dabei „abgestochen“. Das habe ein Bekannter erzählt.
Es ist ein aufgeheiztes Klima, in dem solche Gerüchte schnell die Runde machen.
Rüdiger, ursprünglich aus Baden-Württemberg, lebt seit drei Monaten in Berlin. Bevor er in der Storkower Straße unterkam, schlief er unter einer Brücke. Eigentlich ist Rüdiger gelernter Rettungssanitäter, auch Fliesenleger. Seit einem Arbeitsunfall fand er nicht in den Beruf zurück. Danach hat er oft ziemlich viel Pech gehabt.

Die Konkurrenzkämpfe zwischen registrierten Verkäufern und Bettelbanden seien extrem geworden, erzählt Rüdiger. Insbesondere an belebten Plätzen wie dem Hauptbahnhof oder dem Bahnhof Zoo. Angeblich schicken die Banden verstärkt Minderjährige mit der Zeitung los. Beim mob-Verein seien schon Beschwerden eingegangen, erzählt Mara Fischer. „Wir verurteilen dieses Verhalten scharf“, sagt sie. „Es widerspricht unseren Regeln und beschädigt das Ansinnen des Projekts Strassenfeger.“
Jedenfalls sind die Verkaufszahlen binnen drei Jahren von 21.000 auf 10.000 Exemplare eingebrochen. Der Erscheinungsrhythmus des „Strassenfegers“ wurde von 14- auf 21-tägig umgestellt. „Wir müssen ernsthaft über den Fortbestand der Zeitung nachdenken“, sagt Mara Fischer vom mob-Verein. Sind die neuen Westen die letzte Rettung?

Das Netzwerk der weltweiten Straßenzeitungen setzt bereits in anderen Städten ähnliche Verkaufswesten ein. Die Berliner Polizei schlug zudem vor, die Westen mit Nummern auszustatten, die mit denen der Verkäuferausweise übereinstimmen. Und der Paritätische Wohlfahrtsverband übernahm die Kosten (20 Euro pro Stück). Allerdings wurden bisher lediglich 60 Stück verteilt. Rüdiger erzählt, er habe viele positive Erfahrungen mit Passanten gemacht und empfinde die Bürger seit dem Tragen der Weste als zutraulicher. Seine unliebsame Verkaufsnachbarin am Rewe hat weder Weste noch Registierung. Dafür aber immer einige „Strassenfeger“-Zeitungen.

Rüdiger sagt, dass die Mutter des Mädchens früher eine registrierte Verkäuferin war. Dann wollte sie ihn von seinem Platz vertreiben. Die Mutter schubste, spuckte vor seine Füße. Die Supermarkt-Security schritt ein. Der Verein sperrte der Mutter den Ausweis. Seitdem ist sie nicht mehr auffindbar. Den „Strassenfeger“-Ausweis hat sie immer noch.
Rüdiger sagt, er habe beobachtet, dass das junge Mädchen am Tag zwischen 60 und 70 Euro durch Spenden einnähme. Man erzähle sich, Bettler wie sie würden morgens in der Schönhauser Allee mit LKWs abgesetzt und „ausstreunen“. Und abends dort wieder abgeholt. Hin und wieder verweist der Sicherheitsdienst das Mädchen ihres Platzes. Dann gäbe es Passanten, die Rüdiger entgegenzischten: „Jetzt haben Sie‘s geschafft.“

Rüdiger findet, man müsse die Bürger noch stärker über die aktuellen Geschehnisse sowie den Missbrauch der Zeitung aufklären. Auch Mara Fischer hätte gern einen Vertriebsmitarbeiter, der sich nicht nur um die Verteilung der Westen kümmert, sondern auch das Gespräch mit den Bettelbanden sucht – um sie nicht auszugrenzen, aber ihnen Grenzen aufzuzeigen. Das Problem sei allerdings, dass viele Verkäufer, die Übergriffe erlebt haben, keine Anzeige gegen die Angreifer erstatteten. Weil sie danach eingeschüchtert seien.

Text: Juliane Ibold

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