Essen & Trinken in Berlin

Die neue Ausgehmeile Berlins: die Torstraße

Sie ist laut, sie ist hässlich und sie ist Berlins neue Ausgehmeile. Ein Streifzug durch die Torstraße mit ihren Cafés, Restaurants und Bars.

TorstrasseEin ganz normaler Dienstag im Themroc. Alle Plätze sind besetzt. Vor der Tür verschandelt zwar eine Baustelle den Blick auf die Außenfassade des Restaurants. Doch das stört niemanden. Im Gegenteil. Gäste sitzen auf dem Fenstersims des Themroc und auf der Eingangstreppe des Nachbarhauses. Drinnen ist es ebenso voll und ebenso leger. Die Einrichtung: unscheinbar, einfach. Die Deko auch. An weißen Wänden hängen Poster oder Plattencover, von Lou Reed oder Elvis. Mittdreißiger quetschen sich an Holztische oder auf wackelige Hocker. Mädchen mit geradem Pony lümmeln auf der Couch, sie reden über Charlotte Gainsbourg, deren Stimme herabrieselt. Auf dem langen Holzbalken, der sich an der Decke einmal durch den Raum zieht, stehen braune Tonkrüge und zwei Ventilatoren, die den Raum belüften und gegen die Gerüche aus der offenen Küche ankämpfen. Koch Julien lässt dort ganz beiläufig bedenklich hohe Flammen züngeln.

ThemrocPlötzlich steht Prominenz im Lokal. Schauspieler Peter Lohmeyer und Starköchin Sarah Wiener. Ratlos blicken sie sich um, suchen vergeblich nach freien Plätzen. Koch lässt von den Flammen ab, wirft sich das Geschirrtuch über die Schulter. „Nichts mehr da für heute“, sagt er, dann zuckt er mit den Achseln. So spröde der Anblick der Torstraße, so spröde auch der Charme der Gastronomie. Trotz Baustellen, Verkehrslärm und unsanierten Häuserfassaden zieht die Straße immer mehr Menschen an. Dabei ist es nur ein paar Jahre her, da markierte die zwei Kilometer lange Straße, die sich wie ein Bogen zwischen Prenzlauer Allee und Friedrichsstraße spannt, die Grenze zwischen dem schicken und dem unspektakulären Mitte. Eine ungemütliche, laute Durchfahrt in Richtung Wedding. Ihr Gesicht prägten dunkle Kneipen mit Sichtschutzgardinen, Nagelstudios, Handyakkuläden oder Billigrestaurants. Läden, die nicht auf Laufkundschaft zählten, da die Torstraße eben nie eine Flaniermeile war. Viele dieser Lokale und Geschäfte gibt es noch immer, doch die Anziehungskraft der trashigen Torstraße nimmt von Monat zu Monat zu. Was wiederum Gastronomie und Kneipenkultur beflügelt. Vor allem westlich des Rosenthaler Platzes eröffnen in direkter Nachbarschaft immer mehr Bars und Restaurants. In leerstehenden Imbissen oder geschlossenen Fleischereien richten sich neue Läden ein, viele finden Anklang. Ausgerechnet beim wählerischen Mittepublikum.

Den Anfang machte 2002 das alte White Trash, das in einem ehemaligen Chinarestaurant eröffnete. Die kitschig-asiatische Einrichtung avancierte ebenso zum Markenzeichen der Absackerbar wie die üppigen Burger. Musik von Rock bis Schnulz, gammelige Sofas, Goldfische und Totenkopfgirlanden. Das White Trash pflegte sein Trash-Image und wurde zu einem Ort, in dem Gäste gepflegt versackten und sich etwas besonders fühlen durften. Das scheint auch die internationale Prominenz spannend zu finden. Wer nach Berlin kommt, den zieht’s oft nicht in schicke Clubs, sondern auf die gammelige Torstraße. So feierte Madonna 2008 im DDR-Charme des Kaffee Burger. Mick Jagger wurde 2006 im White Trash beim Burgeressen gesehen. Das französische Restaurant Bandol sur Mer, bis 2005 eine Dönerbude, empfing 2007 Brad Pitt, der von seinen Freunden vom Berliner Architektenteam Graft in das französische Lokal ausgeführt wurde. Später hieß es, Pitt plane den Kauf einer Eigentumswohnung über dem Fitnessstudio am Rosenthaler Platz.

TocaRoungeJede Menge Trash, so scheint es, gehört in der Torstraße zum guten Ton. Auf den Bierbänken des Toca Rouge, früher ebenfalls ein türkischer Imbiss, warten Tag für Tag etliche Mittagsgäste neben Bau- und Straßenlärm auf ihren chinesischen Fusions-Lunch. Man macht auf anspruchsvoll, „Geschmackserlebnis“ und „perfektionistisch“ werden die Gerichte von den Gästen genannt, auch wenn die Karte seit der Eröffnung 2006 noch nie geändert wurde. Auch das Themroc ist so eine Torstraßengeburt. Früher war hier die „Grillpfanne“, ein rustikaler Imbiss mit Hausmannskost. Auch im Themroc ist es etwas zu eng und zu warm – „familiär“ würden die Gäste sicher sagen. Das Angebot an Speisen ist übersichtlich: Es gibt ein Menü pro Abend, bestehend aus Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Mal ist es französisch, mal italienisch, mal deutsch, „weil ständig jemand anderes kocht“, so Alireza Farahmand, einer der Inhaber. Oft muss man lange warten. Und manchmal ist eben einfach nichts mehr da. Doch das tut der Popularität des Lokals keinen Abbruch. „Es gibt hier keinen Boss, wir sind alle Freunde“, so Farahmand über die entspannte Atmosphäre, die für ihn den Erfolg des Ladens ausmacht.

Ein paar hundert Meter westlich vom Themroc versucht sich Torsten Oetken, Inhaber vom Restaurant Tartane, in Erklärungen. „Die Gegend ist nicht so einfach zu durchschauen, und nicht so touristisch, sondern authentisch. Es gibt noch viele Berliner, die hier wohnen“, erzählt er. Sein Restaurant quetscht sich zwischen Neonlichter eines Internetcafйs und die ausladenden Obststände eines Spätkaufs. Gut ein Dutzend Menschen kippeln auf unebenen Bürgersteigen vor schneeweiß gedeckten Tischen. Fast alle sitzen vor einem großen Burger, obwohl die Küche des Tartane noch mehr hergibt. Wären da nicht die iPhones und die sauberen Tischdecken, man liefe am Tartane vorbei. Absurd findet das Torsten Oetken nicht. „Wir wollten genau hier hin!“ sagt er. Es ist die Stimmung, die die Leute anzieht. Ein Restaurant, versteckt zwischen Läden die „Pik As“ und „Bagdad Grill“ heißen, erweckt nicht nur den Eindruck, als sei man unter sich, sondern als gebe es hier auch ständig Neues zu entdecken. Wandel und die damit verbundene Undurchschaubarkeit sind für den jungen Boom verantwortlich. Jede Ecke mutet wie ein Geheimtipp an. Dass man die von innen meist komplett durchgestylten Läden nicht auf den ersten Blick erkennt, ist Teil des Konzeptes.

| 1 | 2 | weiter

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]