Kunst und Museen in Berlin

Streifzüge durch Berliner Galerien

Die Galerienszene wandelt sich ständig. Etablierte holen sich neuen Schwung durch Tapetenwechsel, andere kleben von vornherein nicht an der Scholle. Caravan Berlin zieht als mobile Galerie von Ort zu Ort, und auch hinter einem Supermarkt ist noch Platz für Kunstkonsum. Ein Streifzug durch den Off-Bereich auf der Suche nach der Subkultur

off_2„The sexiest gallery“ – Wie die sich wohl gibt? Den prüden Vogel mag ein solcher Name ebenso reizen wie den Voyeur. Ob die Kunst, die hier verkauft wird, auf den Index gehört? Im Hinterzimmer sitzt Angelina Probst eher keusch und knabenhaft auf der Couch und malt. In kräftigem Kolorit am neuen Jugendstil der Subkultur. Blond, zart und scheu wie ein Reh. Die Lifestyle-Zeitschrift „Finesse“ war auch schon da. Sie befand über die 22-Jährige und ihre Location: „Neu, jung und sexy.“ Angelina Probst ist Künstlerin und Galeristin in einer Person, doch vor allem unkonventionell. Abenteuerliches weiß die Autodidaktin zu berichten. Geboren in Indien, aufgewachsen in Hippie-Kommunen, lebte sie in Dänemark, den USA und wer weiß wo noch. Sie trampte mit dem Rucksack durch Asien und ging vor einem Jahr in Berlin vor Anker. Warum, bleibt offen. „Das ist ein Muss, das kommt einfach, ich denke nicht drüber nach“, sagt sie über die Eröffnung ihrer Galerie.

Ähnlich arbeitet sie an ihren ausgefeilten Mischtechniken, umnäht eine sich räkelnde Salon-Schöne aus einem früheren Aquarell mit Glimmerfäden und steht schon mal mit einem Gast vor der Staffelei wie z.B. mit Felix, dem Kubaner. Der Street-Artist schneite eines Tages herein, zeigte sein Skizzenbuch. Ein Gemeinschaftswerk entstand mit seinen Comic-Fratzen und ihren lasziven Ladys, bunte Versatzstücke aus Medien, Popkultur, Underground und Unterbewusstsein surrealistisch verschmelzend. Die nächsten Verehrer drängen herein, und so verlassen wir die Galerieräume, in denen Angelina Probst hauptsächlich ihre psychedelischen Bilder zeigt. Am Boxhagener Platz in Friedrichshain ist Strychnin unser Ziel. Auch hier herrscht figurativer Ausnahmezustand, ahnungsvoller Symbolismus. Ganz eigene Handschriften jenseits der üblichen Marktkonformität trifft man an, von Künstlern, die gekonnt an frühere Epochen anknüpfen und auch vor Musikszene und Tattoo-Kultur nicht scheuen.

„Fashion to die for“ sorgt im angeschlossenen Modegeschäft mit trendigen Dessous für die passenden Accessoires zur todessehnsüchtigen und lebenslustigen Märchenwelt in der Galerie. Yasha Young, die auch in New York und London aktiv ist, vertreibt Kunst, die dem dunklen Teil der Fantasie entstammt. Den gefährlich klingenden Namen Strychnin hat sie gewählt, weil das Pülverchen bis zu seinem Verbot als Stimulans eingesetzt wurde. Gänsehaut-Feeling gehört zum Programm, Emo, Eso und humorvolle Adrenalinzufuhr. Ist das nun Subkultur? Ja und nein. „Strychnin ist nicht auf Subkulturelles beschränkt. Wir arbeiten auch mit Institutionen aus dem Mainstream zusammen, denn wir können ihren Horizont erweitern“, findet die Galeristin. Es kommt – wie so oft im Leben – darauf an, aus welcher Perspektive man sich und die Welt betrachtet: „Gehört man zum Mainstream, sind wir Subkultur. Gehört man zur Subkultur, sind wir schon Mainstream. Kümmert mich das? Nein!“

subkulturUnbekümmert um Mainstreamer sind einige Offler, wenn es um die Öffnungszeiten geht. Da kann man durchaus verschlossene Türen vorfinden, „wenn das Wetter schön ist und zu anderen Aktivitäten einlädt“, wie Angelina Probst bemerkt. Sich selbst möchte schließlich kein Künstler langweilen, und die Off-Spaces einzuhüten, ist nun mal eher Pflichtübung, wenn man sich nicht groß Angestellte leisten kann. Bei Center ist deshalb nur am Sonnabend auf. Aber so richtig nach Untergrund sieht es dort nicht aus, das zeigt schon der Blick durch die hohen Fensterscheiben auf vergleichsweise brave Kunst. Doris Mampe, hauptberuflich persönliche Assistentin von Jonathan Meese, leitet den Off-Space zusammen mit Dorothea Jendricke, die bei Esther Schipper arbeitet. Kein Wunder, dass hier ein gewisser Ordnungssinn herrscht. „In dem, was allgemein als Subkultur verstanden wird, da sehe ich mich nicht“, so die 33-Jährige.

Trotzdem sei dies kein kommerzieller Raum, sondern eine Spielwiese, meint Doris Mampe, die Einzelausstellungen vorwiegend jüngerer Künstler präsentiert, die in Berlin noch nie ausgestellt haben. „Mir ist wichtig, dass Künstler einen Rahmen bekommen, wo sie ausstellen können und nicht unter Verkaufsdruck stehen.“ Es gibt Editionen zu kleinen Preisen und manchmal auch „Krawallkunst“, die in diesem gepflegten Ambiente seltsam fremd anmutet.

Den gesamten Artikel der tip-Autorin Andrea Hilgenstock lesen sie in tip 01/09

AA Galleries Heidestraße 50, Tiergarten, Do-Sa 12-18 Uhr, www.artists-anonymous.net

Autocenter Eldenaer Straße 34a, Friedrichshain, www.autocenterart.de

Caravan Berlin www.caravanberlin.com

Center Kurfürstenstraße 174, Tiergarten, Sa 15-18 Uhr, www.center-berlin.com

Montgomery Pankstraße 13, Wedding, www.montgomery-berlin.de

Strychnin Gallery Boxhagener Straße 36, Friedrichshain, Do+So 13-18 Uhr, Fr+Sa 13-19 Uhr, www.strychnin.com

The sexiest gallery Dunckerstraße 70a, Prenzlauer Berg, Di-Fr 15-19 Uhr, www.the-sexiest-gallery.de

Uqbar Schwedenstraße 16, Wedding, Fr+Sa 14-19 Uhr,www.projectspace.uqbar-ev.de

Visite ma tente Schwedenstraße 18b, Wedding, www.visitematente.com

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