Stadtentwicklung

Streit um das Kreuzberger Dragoner-Areal

Die Hängepartie: Der Streit um das Kreuzberger Dragoner-Areal geht weiter – ein Fest soll darüber aufklären

Dragoner Areal
Foto: F. Anthea Schaap

Das Dragopoly-Spiel geht eigentlich ganz einfach. Immobilienhaie gegen kleine Fische. Luxusbauherren gegen Kleingewerbekrauter. Großes Geld gegen kleine Träume.
Spielort: das so genannte Dragoner-Areal, im 18. Jahrhundert Stützpunkt des 1. Garde-Dragoner-Regimentes von Königin Viktoria von Großbritannien und Irland. Dort, wo der Mehringdamm auf die Obentrautstraße trifft. 4,7 Hektar beste Zentrumslage.
Seit Jahren streitet der Senat mit dem Bund, dem Eigentümer, um die marode Fläche hinter dem Kreuzberger Finanzamt. Weil Berlin händeringend im Zentrum Platz für bezahlbare Wohnungen sucht, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) aber das  Gelände zum Höchstpreis versilbern will. Wie es die Bundeshaushaltsordnung vorschreibt.

Zweimal scheiterte ein Verkauf. Zuletzt für üppige 36 Millionen Euro. Im September letzten Jahres kippte der Finanzausschuss des Bundesrates den Verkauf an eine Wiener Investorengruppe. Auf Betreiben Berlins.
Und der Streit wird zusehens bizarrer.
Wer den LPG-Biomarkt am Anfang der Obentrautstraße hinter sich lässt und über das abgerockte Kasernengelände  streift, fühlt sich, als hätte ihn gerade eine Zeitmaschine in den 80er oder 90er Jahren ausgesetzt. Kfz-Schrauber in windschiefen Garagen. Ein Bauwagen mit Taubenkäfig. Ein zugewuchertes ehemaliges Autohaus mit vergilbtem „Neuwagen“-Schild, wo einst Mäßigverdienende ihren japanischen Kleinwagentraum wahrmachten.  Ein paar neue, aus Europaletten gezimmerten Beete.  Und jede Menge Leerstand.

Wenn jetzt die Nachbarschaftsinitiative Dragopolis am nächsten Sonntag zum ersten „Dragonale“-Fest lädt – mit Live-Musik, Infoständen, einer Schatzsuche –  wird das „Dragopoly“-Set wieder aufgebaut.
Auf dem Dragoner-Areal und an anderen Orten hatte  Dragopolis bereits mehrere Lesungen mit Musik und begleitenden Ausstellungen unter dem Motto „Geschichtsort: Dragonerareal“ durchgeführt. 1919 wurden beim Januaraufstand sieben Parlamentäre aus dem besetzten „Vorwärts“-Gebäude ermordet. In der NS-Zeit schufteten hier  Zwangsarbeiter.

Erstmals waren die Dragopoly-Würfel  vor gut einem Jahr über dem Hof des Gretchen-Clubs auf der Nordseite des Areals gerollt, auch bei einem Nachbarschaftsfest. Im Internet gibt es ein lustiges Video davon. Einer mimte damals den „hochgeschätzten Großinvestor“, ein anderer einen „Kleininvestor“, der mit der Graefestraße richtig abkassierte.
„Wir sind uns hier alle einig, dass es einen Bestandschutz für das Gewerbe geben muss“, sagt Pamela Schobeß, gemeinsam mit Lars Döring Betreiber vom Gretchen-Club. An einem Dienstagabend steht sie auf dem Hof des Clubs. Drinnen wummert ein Soundcheck von DJ Shadow. „Auf jeden Fall sind wir alle gegen Spekulanten und goldene Wasserhähne.“

Schobeß weiß, wie es sich anfühlt, von Luxuswohnungen beiseite geräumt zu werden. 15 Jahre lang hatten Döring und sie zuvor in Prenzlauer Berg das Icon geführt.  Eine legendäre Drum’n’Bass-Location. Der  Wohnneubau direkt nebenan war das Ende vor Party. Nun seit knapp fünf Jahren auf dem Dragoner-Areal, ist das Gretchen einer  der Treffpunkte diverser Anwohnerinitiativen vor Ort geworden. Wie Dragopolis, Stadt von Unten, Upstall und Wem gehört Kreuzberg.
Neben der Gretchen-Betreiberin steht Holger Gumz von Dragopolis. Ein Dutzend Leute gegen den großen Reibach von Spekulanten. Die „Dragonale“, wünscht sich Gumz, solle nun auch Nachbarn erreichen und vernetzen, die bislang kaum einen Fuß auf das Areal gesetzt hätten. „Wir wollen die Themen am Laufen halten,  viele Menschen ansprechen und Interesse wecken“, sagt er.  „Und dafür muss es auch Spaß machen.“
Damals, nach dem Bundesrats-Veto im September, ließen es die Initiativen im Gretchen richtig krachen. Auch Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) wurde bei der Sause gesichtet. Viele waren sich sicher, jetzt müsse doch der Bund das Areal an das Land Berlin abgegeben, zum Verkehrswert, zuletzt war von 19 Millionen Euro die Rede.
Aber die Bima denkt gar nicht daran.

Dragoner Areal
Foto: F A Schaap

Denn noch ist der Bima-Kaufvertrag mit der Wiener Gruppe nicht rückabgewickelt. Seit einem Dreivierteljahr heißt es aus Bonn, die „Willensbildung“ über den Vorgang sei nicht abgeschlossen. Jetzt werde man die „Rechtmäßigkeit“ der Sanierungsmaßnahme überprüfen. Das klingt nach einer Betonstrategie, als wabere Helmut Kohls Geist noch durch die Bonner Behörde: Aussitzen bis zum Abwinken.
Vielleicht, weil man dort Berlin das Veto im Finanzausschuss übel nimmt. Oder auf andere Bundesratsmehrheiten setzt. „Es muss von der Bima einen neuen Aufschlag geben“, sagt eine Sprecherin der der Berliner Finanzverwaltung.
Stadt von Unten ruft nun für den Sonntag  zur Demo gegen die Bima-Blockade auf.
Vergangene Woche erklärte der Senat den Rathausblock, zu dem neben dem Dragoner-Areal auch angrenzende Wohngebiete gehören, zum Sanierungsgebiet, für zehn Jahre.  400 bis 500 neue Wohnungen schweben dem Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel vor, davon die Hälfte als Sozialwohnungen für 6,50 Euro pro Quadratmeter. Beim nächsten Bima-Verkauf hätte die Stadt ein Vorkaufsrecht – zu einem fairen Preis. Falls das Areal denn wieder auf den Markt kommt. Wann auch immer.

Als der 36-Millionen-Euro-Deal noch beschlossene Sache schien, erzählt Pamela Schobeß, die Gretchen-Betreiberin, habe ihr einer der Gewerbetreibenden auf dem Areal erzählt, sein Briefpapier sei alle: „Macht es überhaupt Sinn, dass ich noch neues kaufe?“, habe er sie unsicher gefragt. „Nach der September-Entscheidung gegen den Verkauf habe ich ihm gesagt: Ja, mach mal.“

Dragonale
Beim Nachbarschaftsfest gibt’s unter anderem das Dragopoly zum Selbstspielen, eine Schatzsuche mit musikalischer Begleitung, Infostände der Initiativen und einen Platten- und Büchermarkt – und kurze Konzerte

Live treten unter anderem Lena Stoerfaktor, The Incredible Herrengedeck und The Groovy Cellar auf

Ort & Zeit: Hof des Gretchen-Clubs, Obentrautstr. 19-21, Kreuzberg. So 17.7., 13.30 – 20.30 Uhr, Eintritt frei

Zu einer Demo gegen Die „Verweigerungshaltung“ der Bima ruft die Initiative Stadt von Unten für den 17.7. auf. Start: 11.30 Uhr, Bockbrauerei, Fidicinstraße 3, Kreuzberg. Ziel: 13.30 Uhr auf dem Hof des Gretchen – zur Dragonale

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