Kultur & Freizeit in Berlin

Streit um Straßenumbenennungen

Wem gebührt Ehre? Bürgerinitiativen streiten um Namen von Berliner Straßen. ­Damit kommt eine interessante politische Debatte in Gang.

Streit um Straßenumbenennungen

Kennen Sie den Bullenwinkel? Die Jouanengasse oder die Hospitalstraße in Mitte? Wohl kaum, denn die genannten Berliner Straßen sind seit über 100 Jahren unter anderen Namen bekannt: als Tauben-, Kommandanten- und Auguststraße. Schon immer sind in Berlin Straßen umbenannt worden, aus unterschiedlichsten Gründen, teils aufgrund städtebaulicher Neuerungen, öfter noch aufgrund historischer Erkenntnisse. Noch vor 70 Jahren hieß etwa die Ebertstraße in Tiergarten Hermann-Göring-Straße, und dass die Frankfurter Allee einst Stalinallee hieß, dürfte nur wenigen Easyjet-Berlin­besuchern bekannt sein.
Seit dem Mauerfall sind Straßenumbenennungen selten geworden, doch ein paar Berliner Initiativen halten Veränderungen vertrauter Namen für nötig. Aktuell etwa setzen sich Geschäftsleute an der Tauentzienstraße dafür ein, dass ihre kurze Straße am Fuß des Ku’damms der viel bekannteren Einkaufsadresse zugeschlagen wird. Wo sich doch ohnehin die meisten Berlintouristen beim KaDeWe-Besuch auf dem Ku’damm wähnen und herzlich wenig mit dem Namen des alten Generals Bogislav Graf Tauentzien von Wittenberg anfangen können.
Gruppen wie Berlin Postkolonial führen bei ihren Umbenennungswünschen dagegen politische Argumente an. Zusammen mit Vereinen aus der Black Community setzt sich die Initiative für die Umbenennung von Straßen ein, die einst zu Ehren von Akteuren der deutschen Kolonisierung in Afrika benannt wurden. Etwa Straßennamen wie sie im sogenannten Afrikanischen Viertel im Wedding zu finden sind: Nachtigalplatz, Lüderitzstraße und Petersallee setzen drei besonders berüchtigten Begründern des Kolonialismus im 19. Jahrhundert ein fragwürdiges Denkmal. Berlin Postkolonial fordert stattdessen „Namen im Stadtbild, die die Opfer und den antikolonialen Widerstand ehren“, so Sprecher Christian Kopp. Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel in Kreuzberg. 2010 wechselte das Gröbenufer den Namen zu May-Ayim-Ufer. Gedacht wird jetzt der afrodeutschen Aktivistin gegen Rassismus, es verschwand der Name des einstigen Kolonialpioniers.
Das bisherige Engagement der Stadtpolitik im Wedding findet Kopp enttäuschend. Im Afrikanischen Viertel ist bislang eine Stele eingeweiht worden, die an den historischen Kontext der Straßennamen erinnert. Auf die Forderung, die Petersallee umzubenennen, reagierte der Bezirk regelrecht listig: Die Straße wurde lediglich umgewidmet; statt zu Ehren des selbst zu Lebzeiten berüchtigten Kolonialisten soll man sich hier nun an den Berliner Stadtpolitiker gleichen Namens erinnern. „Reiner Etikettenschwindel“, so Kopp.
Als Leuchtturmprojekt gilt für die Community nun das Engagement zugunsten der Umbenennung der Mohrenstraße. Als alternative Namens­paten schlagen die Verbände Nelson Mandela vor oder den schwarzen Gelehrten Anton Wilhelm Amo. Dagegen wehren sich Anwohner, die dem zuständigen Bezirksausschuss AG Geschichte ein Gutachten vorlegten, wonach das Wort „Mohr“ keineswegs rassistisch sei. Kopp erinnert jedoch an die sprachliche Ächtung des „N-Wortes“: „Dieses Sprachbewusstsein wurde ebenfalls nur durch Proteste schwarzer Verbände erreicht, sonst wäre es noch heute gebräuchlich. Welche Worte in Ordnung sind und welche nicht, sollten die so Bezeichneten selbst entscheiden.“
Bodo Berwald, Kopf der Initiative Pro Mohrenstraße, hält dagegen: „Mit Gefühlen lässt sich alles begründen.“ Er fürchtet „Geschichtsklitterung“. Gleichwohl gibt der Rechtsanwalt Kopp und Co teils recht: „Der Kolonialismus kommt in der deutschen Geschichtsrezeption wirklich zu kurz. Es ist wichtig, im Straßenraum darüber zu informieren“, sagt er, will statt Umbenennungen aber lieber Informationsorte und Stelen. „Es geht bei solchen Initiativen um viel mehr als nur um den Namen einer Straße“, resümiert Kopp. „Sie haben symbolpolitische Bedeutung. Über Kolonialismus und die Verantwortung Deutschlands wissen die Leute noch nicht viel. Ein Projekt wie dieses bietet einen guten Anlass, um über das Thema zu diskutieren.“ Die Debatte jedenfalls ist jetzt schon lebhaft. Und sie wird sich nicht so schnell legen.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Gerd Metzner

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