Theater und Bühne in Berlin

Streitraum über Antisemitismus in Ungarn

Carolin Emcke über die Diskussion Antisemitismus in Ungarn – was tun im Streitraum der Schaubühne

CarolinEmcke_c_SchaubuehneOffener Antisemitismus, ein rechtspopulistischer Premierminister, von der Polizei geduldete Schlägertrupps, die Roma, Juden, Homosexuelle und andere Minderheiten terrorisieren – die politische Situation in Ungarn ist beunruhigend. Sie hat Auswirkungen auf die Kulturszene, etwa wenn ein Rechtsradikaler zum Theater­intendanten wird. Die Schaubühne hat zur Diskussion dazu u.a. den ungarischen Pianisten Andrбs Schiff, die ungarische Philosophin Бgnes Heller und den Publizisten Ivan Nagel eingeladen. Wir sprachen vorab mit der Moderatorin der Diskussion, der Journalistin Carolin Emcke.

Was macht in Ihren Augen die politische Situation in Ungarn so gefährlich?
CAROLIN EMCKE Wir beobachten einen politischen und kulturellen Wandel, der dramatisch ist. Das ist weit schlimmer als bei anderen rechtspopulistischen Bewegungen in Westeuropa. Der Antisemitismus ist massiv, Fremdenfeindlichkeit wird nicht nur von Militanten, sondern auch von einem Teil der Presse und der Politik offen geschürt. Das wird in die Gesellschaft, in die politischen Institutionen regelrecht implementiert?– etwa in den Vorschlägen für eine neue Verfassung oder in Personalentscheidungen für öffentliche Ämter. Das ist mehr als eine dumpfe Stimmung, das ist Regierungspolitik, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt. Ich kenne eine Reihe jüdischer Ungarn, die regelrecht Angst vor physischer Gewalt der staatlich tolerierten Schlägertrupps haben.

Welche Folgen hat das für die Kultur?
Gefolgsleute der Rechtspopulisten werden in Kultureinrichtungen in wichtige Ämter geschoben. In Budapest erklärt der Intendant des Neuen Theaters, der Schauspieler György Dörner, ein Wortführer der extremen Rechten, dass er mit der „krankhaften liberalen Hegemonie“ aufräumen wolle. Es stand zur Debatte, den offen antisemitischen Schriftsteller Istvan Csurka zu seinem Co-Direktor zu machen. Csurka leitet eine rechtsradikale Partei, er hat eine eigene Zeitung und veröffentlicht regelmäßig antisemitische Hetzartikel.

Das klingt, als würde in Berlin auf Beschluss des Regierenden Bürgermeisters der NPD-Vorsitzende oder Horst Mahler die Schaubühne übernehmen.
Ja. Oder ein rechtsextremer Publizist. Proteste von Theaterleuten gegen diese skandalöse Intendanz-Ernennung in Budapest konnten die Politik bislang nicht beeindrucken. Andrбs Schiff, ein weltberühmter ungarischer Pianist, tritt in Ungarn nicht mehr auf, aus Protest gegen diese Zustände, aber auch aus Angst vor physischen Übergriffen. Das Erschreckende ist, dass so etwas mitten in Europa geschieht, ohne dass man den Eindruck hat, dass die EU oder einzelne europäische Staaten darauf wirklich reagieren.

Auch wenn wir sie abstoßend finden, die ungarische Regierung wie der Bürgermeister von Budapest, der den rechtsextremen Theaterintendanten berufen hat, sind demokratisch gewählt.
Sie sind demokratisch gewählt, aber sie verkörpern eine antidemokratische Politik. Sollen wir dabei zusehen, wie direkt in unserer Nachbarschaft Regierungspolitiker systematisch antisemitische Propaganda betreiben und zulassen, dass Minderheiten terrorisiert werden? Wir wollen mit unserer Veranstaltung darauf aufmerksam machen, was da jenseits aller europäischen Normen geschieht. Andrбs Schiff sagte, wenn die Menschen in Europa außerhalb Ungarns die Sprache verstünden, wie sie Englisch oder Französisch verstehen, wären sie entsetzt angesichts der unglaublichen Hetze einiger Zeitungen und der Brutalisierung und Verrohung des öffentlichen Diskurses. 

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Schaubühne

Streitraum: Antisemitismus in Ungarn – was tun?
Mit Andrбs Schiff, Бgnes Heller, Ivan Nagel, Paul Lendvai,
Schaubühne
, So 15.1., 12 Uhr

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