Stadtleben und Kids in Berlin

Stressfaktor: Prüfungsähnliche Situationen im Job

Bewerbungsgespräche, Gehaltsverhandlungen, Präsentationen, Assessment-Center: Manche versagen regelmäßig im Beruf bei prüfungsähnlichen Situationen. Dabei gibt es durchaus Wege aus dem Dilemma

Es ist dieser Satz gleich zu Beginn des Vorstellungsgesprächs, der Sophie schier das Genick bricht. „Erzählen Sie doch mal etwas über sich!“ Schlagartig ist der Kopf leer. Die Augen schweifen durch das Büro, als suchten sie dort eine Antwort. Wo nur anfangen? Sprachlos, wie gelähmt sitzt Sophie eingeklemmt zwischen Stuhl und Tischplatte. Dabei hatte sie sich auf das Bewerbungsgespräch vorbereitet. Suchte sich typische Fragen aus dem Internet, ging sie durch, etliche Male. Doch im entscheidenden Moment kam das Blackout.

Der Job jedenfalls war weg. „Dabei passte der perfekt auf mich“, sagt die Politikwissenschaftlerin enttäuscht. Im Freundeskreis gilt sie als eloquent, durchsetzungsfähig und schlagfertig. Eine, die ganz gerne mal austeilt. In prüfungsartigen Situationen aber, immer dann, wenn es um etwas geht, versagt sie mit purer Regelmäßigkeit. Damit ist Sophie nicht allein. Lampenfieber ist eine weit verbreitete Angst, seine Facetten reichen von Nervosität über Redeangst bis zu regelrechter Panik.
Je bedeutender der Anlass, desto größer meist die Furcht. Bei Sophie fing es schon bei Referaten und den mündlichen Zwischenprüfungen an der Uni an. Beim Start ins Berufsleben wiederholte sich das Dilemma. „Ich bin einfach nicht mehr ich selbst“, sagt die 27-Jährige über Bewerbungsgespräche.

Doch was ist so furchteinflößend an diesen Situationen? „Es sind die Beobachter“, erklärt Jessica Wahl. Sie ist Sprachtrainerin und Berufscoach. Ihre kleine Praxis befindet sich in den Räumlichkei­ten der Kreuzberger Tabor-Kirche im Wrangelkiez. „Wenn wir allein im Raum eine Situation üben, fühlen wir uns genial. Vor Zeugen, die uns von außen beobachten, werden wir plötzlich unsicher“, erklärt sie. In Seminaren stellt sie Bewerbungssituationen mit ihren Klienten nach, übt mit ihnen, auf Fragen wie „Erzählen sie doch mal!“ zu reagieren. „Manchmal kann man mit einer kleinen Gegenfrage der Situation den Schrecken nehmen und Zeit gewinnen“, sagt Jessica Wahl. Durch Videoanalyse macht sie außerdem auf die eigene Körpersprache aufmerksam, auf Zappeln, Mimik, Unsicherheitsgesten.

Gründe für die Unsicherheit, zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch oder einer Präsentation, erzählt sie, lägen oft an Scham und übertriebenem Perfektionismus. Da breche beim kleinsten Versprecher die Konzentration weg. Was kommt und bleibt, ist die Unsicherheit. „Dabei ist Perfektionismus an sich nicht verkehrt.“ Man müsse ihn nur korrekt einsetzen. Anstatt sich über kleine Patzer im Gespräch zu ärgern und ängstlich zu werden, sollte man seinen Perfektionismus nutzen, um sich gut auf das Gespräch vorzubereiten. „Überlegen Sie sich, wie Sie wirken möchten“, empfiehlt Wahl und vergleicht das Gespräch mit einem WG-Casting. Gesucht wird, wer sympathisch ist und ins Team passt: „Ein kompetentes, souveränes Auftreten und sogar Authentizität lassen sich trainieren“, sagt sie.

„Im Bewerbungsgespräch kommt es zu 75 Prozent auf die Persönlichkeit an“, erklärt Thomas Rübel, Geschäftsführer vom Berliner Büro für Berufsstrategie. „Das Fachwissen wurde bereits durch die Unterlagen geliefert. Was jetzt zählt, ist der Charakter.“ Die zahlreichen Trainings und Kurse des Zentrums leiten deshalb meist Trainer mit einer pädagogischen oder psychologischen Ausbildung. In den Kursen geht es um Bewerbungsgespräche, Assessment-Center, Gehaltsverhandlungen und Selbstpräsentation. Dabei richtet sich das Angebot nicht nur an Arbeitslose oder Absolventen. „Wir coachen auch Menschen, die im Berufsleben stehen und sich kommunikativ, persönlich und sozial stärken möchten“, sagt Rübel. „Wie reagiert man beispielsweise schlagfertig auf verbale Attacken am Arbeitsplatz? Wie argumentiert man in Gehaltsverhandlungen? Wie führe ich Smalltalk, wenn mir der Chef im Aufzug begegnet?“

Denn besonders Gespräche mit dem Vorgesetzten sind für viele Arbeitnehmer ein Spießrutenlauf. Wie beispielsweise für Christina. Die junge Werbekauffrau arbeitet in einer kleinen Firma, ihr Chef sitzt gut sicht- und hörbar direkt im Nebenzimmer. „Wenn ich ihn nur telefonieren höre, kriege ich Panik“, sagt die 33-Jährige. Ein Gespräch mit ihm – für sie die reinste Folter. Selbst eines initiieren – undenkbar. Dabei wäre ein Gehaltsgespräch schon längst fällig. Aus Angst begrenzt sie den Kontakt mit dem Chef jedoch auf das Allernötigste. Wovor sie sich fürchtet, ist ihr dabei selbst nicht ganz klar. „Das Absurde ist, dass er mich eigentlich mag“, sagt sie. „Ich komme vielleicht einfach mit der direkten, autoritären Art nicht klar.“
Dabei sind es lange nicht nur Frauen, die betroffen sind. „Das hält sich die Waage“, sagt Berufscoach Jessica Wahl. Dennoch weiß sie  um die speziellen Probleme, die Frauen im Job haben. Eine große Schwierigkeit: die Außenwirkung. „Frauen neigen dazu, mädchenhafte Gesten und Mimiken zu machen. Wir lächeln außerdem oft zu viel“, sagt sie und rät, freundlich zu schauen, aber mit Mimik sparsam zu sein. Ein weiterer Punkt: die Stimme. „Zählen Sie mal bis zehn!“, sagt Jessica Wahl und zeigt in das Kirchenschiff der Tabor-Gemeinde. Die Zahlen hallen durch das Gebäude. Danach stellt sie Fragen. Wie fühlt sich das an? Wie hört sich die eigene Stimme an? Dann rät sie: „Reden Sie etwas tiefer. Das klingt souveräner und sicherer. Nicht so mädchenhaft.“ Nun tönt die Stimme klangvoller durch den Raum, in seiner Wirkung verstärkt durch das vielfache Echo. Eine simple Demonstration, die Eindruck macht.

Auch Sophie hat sich nach der letzten Absage vorgenommen, an einem Bewerbungstraining teilzunehmen, um ihre Ängste zu besiegen. Neben professionellen Coaches schaut sie auch nach Kursen an Volkshochschulen und Arbeitsämtern. Was sie bisher nicht wusste: Viele Trainings werden mit der Bildungsprämie vom Staat zur Hälfte finanziert. 

Text: Antje Binder

Illustration: Karo Rigaud/Raufeld

Trainingszentrum + Praxis für Personal Performance Taborstr. 17,
Kreuzberg, Tel. 61 28 31 23, 0179 687 22 61, www.jessicawahl.de

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Mitte, Tel. 288 85 70, www.berufsstrategie.de

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