Sport

Stufen zum Glück: Treppenlaufen ist Sport

Gar nicht mal so steile These: Jeder, der regelmäßig läuft, sollte die Berliner Treppen in sein Training einbauen. Treppen machen uns schneller, trittsicherer – und sie verschieben die Perspektiven

Harry Schnitger

In Dänemark war Alexander Dautel im vergangenen Jahr im Krankenhaus. Nichts Dramatisches, nur ein akutes Trainingsdefizit. Der Berliner Student verbrachte gerade ein Austauschsemester in Kopenhagen, hatte aber vor, in wenigen Wochen bei den Deutschen Meisterschaften im Ultratrail zu starten. 80 Kilometer, rund 3.500 Höhenmeter, beinahe eine komplette Umrundung des Zugspitzmassivs, Deutschlands höchsten Berges. Dänemarks höchster Berg heißt Møllehøj und ist nicht einmal ein besserer Hügel. Also ist Dautel bis ins Rigshospitalet getrabt und dann das Treppenhaus hochgelaufen. 63 Höhenmeter, 33 Mal.

Für den Weg nach unten hat er jedes Mal den Aufzug genommen, an der Zugspitze aber stand Dautel, der für den Berliner Laufverein LG Nord startet, wieder auf dem Treppchen. Zweiter Platz bei den Deutschen Meiserschaften im Ultra-Trail. Über die flachen 100 Kilometer ist der 30-jährige Charlottenburger vor ­wenigen Wochen sogar Deutscher Meister geworden.

Die Idee, durch Stufen Höhenunterschiede zu überwinden, ist älter als die Menschheit selbst. Tatsächlich konnte sie schon bei den Primaten nachgewiesen werden. Bereits in den frühen Hochkulturen in China und Ägypten wurde die Treppe dann zum Machtinstrument und Statussymbol. Wer oben war, dem ging es gut. Ich wünschte, das könnte ich auch nach jedem Treppentraining sagen.

Dennoch: Genau darum soll es im Folgenden gehen – ums Gehen, nein ums Rennen, Springen, Trippeln auf den Treppen dieser Stadt. Um ein ziemlich bestes Trainingsgerät, das kostenlos an vielen Ecken wartet. Aller Anfang ist leicht: Einfach auf den täglichen Wegen immer die Stufen nehmen. Strammes Gehen, lockeres Wippen, positive Botschaften an das Herz-Kreislauf-System.

Auch als Wettkampfsportart hat der ­reine Treppenlauf dabei eine, nun ja, steile Karriere gemacht. Entstanden aus einer Einsatzübung mit durchaus ernstem Hintergrund – Feuerwehrmänner und -frauen stürmen in kompletter Montur die Hochhäuser hoch – hatte bald jede Großstadt ihren Treppensprint. Es gibt einen Dachverband, den Towerrunning Germany e.V., und eine jährliche Wettkampfserie, die traditionell mit dem Towerrun im Ideal-Hochhaus in der Britzer Fritz-Erler-Allee beginnt. Bekanntester Berliner Treppen­lauf ist der Firefighter Stairrun im Hotel Park Inn am Alexanderplatz, renommierte Rennen im deutschsprachigen Raum sind der SkyRun MesseTurm Frankfurt und der Millennium Tower Run Up in Wien, mit 2.529 Stufen auch das längste Treppenrennen der Welt.

Aber mal ehrlich: Hat sich der Zeitgeist nicht gerade gegen den Indoorsport entschieden? Muskelaufbau ohne Geräte. Im Park ist nicht nur die Luft besser, zudem wird die ganze Stadt zum Publikum.
Für Hillary Menning beispielsweise, die die Treppen im Volkspark im Friedrichshain auch schon mal im Handstand hinunter schreitet – und auf einem Bein hüpfend wieder hinauf.

Die gebürtiger Kanadierin ist Parkour-Sportlerin, feiert also den krea­tiven Umgang mit der Stadtlandschaft. Hier im Friedrichshain trifft sich ihre Community zum Training, auch Anfänger sind willkommen, sie sollten nur eben etwas härter im Nehmen sein.

Oder wie es Jens Larisch formuliert, den es mit seiner Lebensgefährtin Sarah Kästner als passionierte Trailrunner oder als Kursleiter für den Deutschen Alpenverein, immer wieder von Spandau in die Alpen verschlägt: „Was für Alpinistinnen und Alpinisten die Kletterhalle ist, ist für Trail Runner die Treppe – eine wunderbare Möglichkeit, im urbanen Umfeld Höhenmeter zu machen. Die Treppe macht jeden Läufer und jede Läuferin schneller und vor allem auch trittsicherer.“

Treppenlaufen, das geht nämlich auch und unbedingt abwärts. Auf regelmäßig gesetzten Treppen jede Stufe mitnehmen und hochfrequent aus den Oberschenkeln arbeiten. Achtung: Langsam beginnen. Unrhythmisch gesetzte Stufen, etwa auf dem Havelhöhenweg, eignen sich wiederum gut, um die Koor­dination und die Trittsicherheit auf losem Untergrund zu verbessern.

Ulf Kühne pendelt der Liebe wegen zwischen Steglitz und Radebeul. Hier wohnt seine Lebensgefährtin, dort verbindet ihn eine ebenso leidenschaftliche Beziehung mit der Spitzhaustreppe am Elbufer. In Radebeul veranstaltet Kühne Jahr für Jahr den weltweit wohl eindrücklichsten Treppenlauf, der einmal aus einer kuriosen Rechenübung geboren wurde. „Läuft man die Spitzhaustreppe 100 Mal hoch und runter, ergibt das nicht nur die doppelte Marathondistanz, sondern auch ziemlich exakt jene 8.848 Höhenmeter, die der Mount Everest hoch ist.“ Wie viele Stufen da zusammenkommen? „79.400.“ Aber Ulf Kühne ist einer, der auch schon mal 330 Kilometer am Stück durch die Alpen gelaufen ist.

Wo er sowas in Berlin trainiert? Ulf Kühne mag die 280 Stufen hinauf zum Drachenberg. Und dort oben ein Bier und die Abendstimmung über der Stadt. Denn auch das gehört ganz unbedingt zum Treppentraining: Man muss auch mal runterkommen.

Treppe zum Müggelturm
374 Stufen, die im September anlässlich des ­einzigen Berliner Trail-Running-Wettbewerbs erklommen werden können. www.trailrunberlin.de

Teufels- und Drachenberg
Berlins prominenteste Trainingstreppe führt über 70 Höhenmeter auf den Drachenberg. Den Autor dieses Textes trifft man dort immer mittwochs, 19 Uhr, zum Trailtraining. Bei Facebook: Salomon Running Berlin

Volkspark Friedrichshain
Unsere Lieblingstreppen fürs Workout oder für Sprung- und Stabilitätsübungen. Gute Alternativen: der Insulaner in Schöneberg und die Treppen im Viktoriapark in Kreuzberg

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