Malerei

Surreale Sachlichkeit in der Sammlung Scharf-Gerstenberg

Beunruhigende Untertöne: Eine Sonderausstellung bei Scharf-Gerstenberg spürt dem Surrealen in Werken der Neuen Sachlichkeit nach

Heinrich Harry Deierling, Philadelphia (USA) 1894–1989 Berlin: Selbstporträt im Spiegel, 1929 Öl auf Leinwand © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Heinrich Harry Deierling, Philadelphia (USA) 1894–1989 Berlin: Selbstporträt im Spiegel, 1929 Öl auf Leinwand © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Giorgio de Chiricos berühmtes Gemälde „Der große Metaphysiker“ empfängt die Besucher. Es kündet vom Rätsel einer zunehmend befremdlichen Welt. Sechs Varianten gibt es davon. Die sonderbare Atmosphäre des menschenleeren, von de Chirico imaginierten Platzes inspirierte zahlreiche Künstler. So tauchen Elemente des Bildes in fast allen Arbeiten der Ausstellung „Surreale Sachlichkeit“ auf, die rund 80 Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie präsentiert.
Räume, Dinge und Menschen stehen im Zentrum, vermeintlich sachliche Darstellung und surreale Tiefenbohrung. Einsamkeit, Leere und Entfremdung strahlen die versammelten Gemälde aus. Etwa der „Graue Tag“ von George Grosz oder Georg Schrimpfs unwirklicher „Bahnübergang“. Das also hat die Industrialisierung aus den Menschen gemacht: Melancholiker in trostloser Stadt-Landschaft. Dabei will die Schau den surrealen Anteil der Neuen Sachlichkeit beleuchten. Stille Schönheit wie Christian Schads magnetisches Porträt der androgynen Großstadtpflanze „Sonja“ (1928). Man kann sich allerdings fragen, was am subtilen Realismus übernatürlich sein soll? Erst Recht angesichts des naturalistischen „Arbeiterkindes Doris“ von Curt Querner und anderen Werken. Sie demonstrieren eher, was vorher im Depot schmorte, darf jetzt auch mal an die Luft.

Ans Tageslicht gelangt aber auch eine Reihe zu Unrecht vergessener oder kaum bekannter Künstler. Heinrich Harry Deierling zum Beispiel (Abb. links: „Selbstporträt im Spiegel“, 1929). Erst Mitglied der Berliner Secession, erhielt er Berufsverbot von den Nazis. Durch die Zerstörung seines Ateliers 1943 ging allerhand verloren. Die Nachkriegsjahre verbrachte er als Strandkorbverleiher am Müggelsee, starb 1989 in Ost-Berlin. Gemalt hat er immer, doch der Kunstbetrieb nahm keine Notiz mehr von ihm.
Viele Künstler der 1920er und 1930er Jahre wagten etwas, waren gesellschaftskritisch. Nicht nur Otto Dix, der die „Familie des Malers Adalbert Trillhaase“ als irre Spießbürgerversammlung karikiert. Daneben muten die Zimmerpflanzen, eine „Amaryllis“ von Frank Lenk mittendrin, seltsam harmlos an. Rätselhafter schon die knospende „Opuntia“ Paula Lauensteins, von Geheimnis umgeben Fritz Burmanns „Stillleben mit Kakteen“. „Sind die Kakteen nicht pflanzliche Kristalle, lebendige Architektur? Kugel und Walze, Maß und Zahl?“, schwadronierte 1925 der Autor Adolf Wortmann über ihre bizarre Erscheinung.

Wer geneigt ist, mag in diesen vorteilhaft an weinroten Wänden präsentierten Bildern surreale Züge erkennen. Der psychische Raum wird ausgelotet, beunruhigende Untertöne visualisiert. Doch etliche der rund 60 Künstler bleiben schlicht beflissen sachlich. Der „Junge im Mantel“ von Theodor Rosenhauer etwa. Die Übergänge zum Surrealen sind eben fließend, oft nur unterschwellig wahrnehmbar oder Interpretationssache. Beim Rundgang, der bis zur bekannten Skulpturengruppe „Capricorne“ (1948/1964) von Max Ernst führt, lassen sich die vielfältigen Möglichkeiten, die Welt des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren zu verbinden, studieren. Haften bleibt eine reizvolle Spannung zwischen illusionsloser Betrachtung der Wirklichkeit und magischer Realität.

Surreale Sachlichkeit Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 23.4.

Bewertungspunkte2

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare