Interview

Sven Regener: „Man trank sich West-Berlin schön“

Der Musiker und Schriftsteller Sven Regener über die Rückkehr von Frank Lehmann in seinem neuen Buch „Wiener Straße“, den Mythos Mauerstadt, ein halbes Jahr mit Volltrotteln, neue Pläne mit Element of Crime und die nächste RomanverfilmungFoto: Lena Ganssmann

Sven Regener kommt leicht verspätet. Auch am Schwarzen Café in Charlottenburg sind an diesem Freitagvormittag die Parkplätze knapp. Der 56-jährige Kopf der Band Element of Crime hat gut zu tun. Im Frühjahr ­machte er Theater mit Leander Haußmann, im Sommer spielte die Band ein paar Konzerte. Jetzt kommt die Verfilmung seines 2013er-Romans „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ in die Kinos, für die er auch das Drehbuch geschrieben hat. Und am 7. September erscheint bei Galiani „Wiener Straße“, der neue Roman aus dem Lehmann-Kosmos, der wieder, wie sein Debüt „Herr Lehmann“ (2001) und der letzte Teil der Lehmann-Trilogie „Der kleine Bruder“, im West-Berlin der 80er-Jahre spielt. Jede Menge Rede-Stoff. Regener hat Zeit mitgebracht. Und Bestlaune. Dabei weiß er noch gar nicht, dass „Wiener Straße“ wenige Tage darauf für den „Deutschen Buchpreis“ nominiert werden wird.

Herr Regener, können Sie berlinern?
SVEN REGENER Kann jeder eigentlich, oder? Berlinern ist sowieso ein überschätztes Ding. Man berlinert ja auch nicht durchgängig, weil das niemand länger als für einen halben Satz durchhält. Man unterstreicht damit bestimmte Sachen. Hat viel mit Angstbeißerei zu tun. Den dicken Max markieren.

Man hört bei Ihnen ja immer den ­gebürtigen Bremer raus. Sie kamen, wie Ihre Figur Frank Lehmann, Anfang der 80er-Jahre nach West-Berlin. Warum berlinert jetzt plötzlich dauernd irgendwer? Vorher war das in Ihren Büchern doch nicht so.
In den anderen Büchern gibt es diese Konfrontation der Leute mit echten Berlinern auch fast gar nicht. In „Wiener Straße“ kommt das öfter vor. Es gibt diesen Kontaktbereichsbeamten. Oder auch einen Baumarktverkäufer. Und an diesen Übergängen, da knirscht es. Da werden dann Idiomfragen auch zu einer Machtfrage. Das wird manchmal so eingesetzt, weeßte (Regener verfällt plötzlich in ein Günter-Pfitzmann-artiges Berlinern), da wird das dann so reinjetan, aber das wird dann auch sofort wieder weg sein. Und dieser Wechsel ist interessant.

In „Wiener Straße“ attestiert dann auch ein Kurator den Kontaktbereichsbeamten, kurz: KOB, „dieses folklorefaschistische Zilleding, das die immer durchzogen“.
Wo dann auch dieses Berlinern als Machtmittel eingesetzt wird (Regener wechselt wieder in diesen irgendwie lustigen Pfitze-Duktus): „Weeßte, ick bin hier Teil von wat janz Großem, und du nämlich nich. Hinter mir stehen alle Berliner, und du bist nur so ein Würstchen.“ Aber diese Sichtweise vom Zilleding ist natürlich auch total maßlos! Wie auch auf der anderen Seite gedacht wird, dass hinter jedem „Icke“ oder „Ditte“ gleich das Dritte Reich hervorspringt!

Hat Ihnen der Regisseur Leander Haußmann, mit dem Sie öfter ­zusammenarbeiten, das Berlinern gelehrt?
Der kann auch berlinern. Diese Berliner Idiomgeschichte ist aber etwas, was die ­Leute benutzen, um sich zu inszenieren. Ich wohne jetzt seit 35 Jahren in der Stadt, was man mir relativ wenig anhört. Aber ich könnte berlinern, wenn ich wollte. Doch dann würde ­jemand wie Leander kommen und sagen: „Das darfst du nicht!“

Sie haben 2008 die „Lehmann-Trilogie“ ­abgeschlossen. Jetzt geht diese Geschichte genau nach „Der kleine Bruder“ rund ums Café Einfall in der Wiener Straße weiter. Können Sie von Herrn Lehmann nicht lassen?
Der gehört ja dazu. Am Ende von „Der kleine Bruder“ beziehen vier auch wirklich sehr verschiedene Freaks eine Wohnung über ­einer Kneipe und haben als Übervater diesen Erwin Kächele, der das alles besorgt hat, um sie loszuwerden. Da kam sofort die Idee für diese Geschichte, wo eine Kunstausstellung am Ende dräut.

Das alles hatten Sie damals – „Der kleine Bruder“ erschien 2008 – so angelegt?
Nicht mal mit Absicht! Wenn man davon ­erzählt, ist Frank Lehmann einfach dabei. Aber es ist kein Herr-Lehmann-Buch. Vielleicht zu 15 Prozent aus seiner Sicht. Sehr viel häufiger aus anderen Perspektiven.

Wie aus der von Erwin Kächele,vom Aktionskünstler H.R. Ledigt, von Kacki aus der ArschArt-Künstlertruppe, von deren Chef P. Immel oder vom SFB-Hausbesetzer­beauftragten Prohaska. Dabei hält fast jeder die jeweils anderen für totale Volltrottel.
Ja!

Wie lange haben Sie doch gleich an ­„Wiener Straße“ geschrieben?
Ein halbes Jahr vielleicht.

Sie haben sich also ein halbes Jahr mit diesen Knalltüten umgeben. Wird man dann nicht selbst ein wenig wunderlich?
Nein, das hat eigentlich sogar eine ­reinigende Wirkung. Wenn man Unsinn will, zieht man die Gummistiefel an, steigt hinab in das Klo vom Café Einfall und lässt den Frank Lehmann da putzen. Mein Leben ist ja heute ganz anders, aber diese Leute sind für mich total real!

Ist der Lehmann-Kosmos so etwas wie ­Ihre zweite Band neben Element of Crime?
Nein. Mehr wie ein paralleles Universum, in dem ich dann auch lebe. Wie wäre das denn, wenn das Leben noch mal ganz anders gelaufen wäre? Wobei das eben nicht so ist, dass ich sage: Ich identifiziere mich in erster Linie mit Frank Lehmann. Das ist nur eine von vielem Möglichkeiten.

Wie entwirft man dieses Personal aus ­Aktionskünstlern und Kneipen-Philosophen?
Die erste Hälfte der 1980er-Jahre war so. Extremkünstler-Leute, die in jede Richtung die Grenzen ausloten. Ich habe das ja auch mitgenommen. Die Leute machten die ­unglaublichsten Sachen. Mit Chuzpe und völligem Scheißen darauf, was die anderen Leute dazu sagten. Ich habe in Bands gespielt, deren größter Ehrgeiz darin bestand, einen Laden einmal leer zu spielen.

Was spielten die denn da denn so?
Ach, Krachmusik. Ganz viel improvisierte Musik. Aber vor allem derbe, krachig und laut.

Und bloß kein gerader Akkord.
Jedenfalls nicht absichtlich. Es gab ohne Ende Experimental- und Avantgarde-Rockbands.

Wie haben Sie West-Berlin in Erinnerung?
Das Problem ist, dass wir es gerade in ­West-Berlin, wie heute auch, aber damals noch stärker, mit einer verbitterten Stadt zu tun hatten, wo es klare Parallelgesellschaften gab. Immer diese Behauptungen des ­Miteinanders! Es war ein Nebeneinander, immer.

Daran hat sich seit 1980 aber nicht viel ­geändert.
Ist aber auch nicht schlimm! Warum soll man immer miteinander schmusen? In Kreuzberg gab es zum Beispiel fast überhaupt keinen Kontakt zwischen den deutschen Freaks und den Türken. Das war dieses Alternativ-Berlin. Die Künstler, die Zugezogenen. Mal was ­anderes als zuhause in Westdeutschland! So aufregend wie im Agentenfilm! Schwarz-weiß, Mauer, Stacheldraht, Wachtürme. ­Geile Kulisse! Die hatten auch nicht die Erfahrung des Mauerbaus. Und dann gab es noch die Leute, die dieses Trauma erlebt hatten und das alles gar nicht lustig fanden.

Woran man sich beim Lesen auch erinnert: dass es mal sowas wie Eurocheques gab.
Ja! Und gar nicht mal so oft. Von Karten für die Geldautomaten wollen wir gar nicht ­reden. Die meisten hatten sowas auch nicht. Man bekam ja auch keine Eurocheques, wenn man kein regelmäßiges Einkommen hatte.

Haben Sie nicht Kleinanzeigen bei der „Zweiten Hand“ abgeschrieben?
Ich habe als Tippse gearbeitet und bekam, glaube ich, zum ersten Mal 1985 einen Überziehungskredit.

1985 ist das Gründungsjahr von Element of Crime.
Wir hatten in der Band alle keine Karten für die Automaten. In Wuppertal sind wir mal fast verhungert, weil wir keine Einkünfte hatten. Das ist zwar ein Kolorit, wenn von Eurochecques die Rede ist, die ja ausgestorben sind. Aber die Probleme, das Verhalten der Leute, wie sie drauf sind und wie man damit umgeht, das ist dadurch nicht unmoderner.

Zum Beispiel?
Im Grunde wurden damals viele Dinge zum ersten Mal ausprobiert, die später eine große Rolle spielten. Wie das Verhältnis zur Kunst: diese Entakademisierung. Es spielt keine Rolle mehr, wer das macht. Das Wichtige ist nur, dass es gemacht wird, und dass man ­einen findet, der es einem glaubt. Und das ist eine Sache, die im Zuge des Punks auf die anderen Kunstrichtungen austrahlte. Die auch der Anfang von einer Alternativ­wirtschaft im gesamtgesellschaftlichen ­Sinne war. Das hatte mit West-Berlin sehr viel zu tun, weil hier viele Sub- und Parallelstrukturen als erstes entstanden sind.

Wie Kneipenjobs. In „Wiener Straße“ will fast jeder im Café Einfall arbeiten.
Die ersten Kollektive, die es gab, waren im Gastro-Bereich. Es gab Rockstars, die nur Kneipen gekauft oder aufgemacht haben, um den Leuten, die sie anschnorren wollten, mal einen Job zu geben. Manche haben sich aber auch mit Kneipen ruiniert. Und wenn man als Band auf Tournee gehen wollte: Was willst du dann machen, außer in einer Kneipe ­arbeiten? Da kannst du anfangen, wieder aufhören, „ich bin jetzt mal zwei Wochen nicht da“. Das ging.

Sie selbst hatten nie einen Kneipenjob?
Nein. Ich habe vor der „Zweiten Hand“ beim Wissenschaftszentrum Berlin gearbeitet. Ich musste als studentische Hilfskraft eingestellt werden, das ging nach Bundesangestelltentarif. Das war eine Welt, die alles Mögliche war, aber nicht alternativ. Bei der „Zweiten Hand“ musste ich fürs Touren immer kündigen, weil es so viel Urlaub im Jahr nicht gab. Die haben mich gottseidank hinterher immer wieder eingestellt.

Ist diese Westberlin-Nostalgie, die seit ­einiger Zeit in Mode ist, auch Ihr Ding?
Dieses Sehnsüchtige, das habe ich eigentlich nicht. Aber ich denke gern daran zurück. Wenn ich heute diese Fotos sehe aus der Zeit, dann kommt sie mir weiter weg vor. In meiner Erinnerung ist alles viel lebendiger, auch weniger stilisiert. West-Berlin war ja auch eine Hauptstadt der Selbstinszenierungen. Wie Karl Schmidt in „Magical Mystery“ sagt: „Es war alles Teil von was Größerem, was Schönen, von einem Film. Und wir sind darin die Hauptdarsteller.“ Man hat sich in West-Berlin auch gerne mal etwas als Kulisse schöngetrunken, was eigentlich nur ein elender, mieser Scheiß war. Und das ist eine großartige kulturelle Leistung, die man ruhig würdigen kann.

Schöntrinken ist eine kulturelle Leistung?
Klar, logisch. Warum finden wir amerikanische Kleinstädte aufregend? Weil die im Film oft so inszeniert werden, dass wir, wenn wir dahinkommen, denken, wir wären selber in so einem Film. Menschen wollen gern in ­einem Kunstwerk sein, weil sie das aus ihrem eigenen Leben rausholt. Das ist eine künstlerische Leistung, die ist damals tausendfach erbracht worden. Und wahrscheinlich auch zwangsweise, weil man das alles sonst gar nicht ertragen hätte. Die Winter in Westberlin waren so scheußlich! Noch viel scheußlicher als heute in Berlin.

Es roch auch übel nach Schwefel.
Wenn man morgens aufwachte und raus­guckte, dann sah man das ­gegenüberliegende Haus nicht. Weil alle diese Kachelöfen hatten, die es heute gar nicht mehr gibt.

Also bitte. In Prenzlauer Berg befeuert man doch längst wieder Kamine.
Ja, die vom Schornsteinfeger abgenommen werden, in Dachgeschosswohnungen. Zierkamine. Damit heizt man ja nicht die Wohnung. Aber damals waren es draußen 20 Grad minus, es war Inversionswetterlage, eine warme Luftschicht lag oben drüber, wie ein Topfdeckel, alles staute sich unten. Und gleichzeitig musste man heizen wie ein ­Blöder, weil es unten so kalt war.

Sie verfassen Ihre Bücher ja nicht chronologisch. „Wiener Straße“ spielt vor „Herr Lehmann“. Gar nicht so leicht, dabei die Figurenentwicklung stimmig zu halten.
Ja… oder man hat später eine Idee, und die passt da irgendwie rein. Ich bin nicht so der Planungs- und Kontrollfreak. Manchmal denke ich, vielleicht hätte ich diese alten ­Romane vorher noch mal lesen sollen.

Sie lesen Ihre eigenen Romane nicht mehr?
Nein. Aber Esther Kormann, die Verlegerin und Lektorin, die macht das schon mal. Die weiß dann auch eher: Warte mal, war das nicht so, dass der eine bei „Neue Vahr Süd“ das oder das gesagt hat?

Die „Magic Mystery“-Verfilmung einer Techno-Tournee durch das wiedervereinigte Deutschland kommt jetzt ins Kino. Mit Ihrem Drehbuch. Haben Sie dafür auch nicht mehr in ihren Roman geschaut?
Den habe ich mal aufgeschlagen und ­teilweise die Dialoge abgeschrieben.

Ihre Bücher leben vor allem von den ganzen durchgeknallten Typen, die verpeilte Gedankengänge entlangirren. Tut es kein bisschen weh, daran Hand anzulegen?
Es tut sehr weh, wenn man wichtige Handlungsstränge rausnehmen muss, weil dafür kein Platz ist oder kein Geld. Bei „Magical Mystery“ tat es mir sehr leid um eine Szene in einer Äppelwoi-Kneipe in Frankfurt, sowas wie ein Gipfeltreffen der Chefphilosophen des Technos. Wo Ferdi dann die Gegenrede hält, warum es trotzdem wichtig ist, dieses Hippieding, diese Tournee zu machen. Ich habe dann aber geschafft, einen Teil des Mono­logs von Ferdi in die Beerdigungsrede von Karl Schmidt für das Meerschweinchen im Film zu bringen. Diese Aussage hätte mir gefehlt: warum die alle vielleicht lächerlich wirken, aber trotzdem etwas Großes am Laufen haben. Weil man dann vielleicht über sie lacht, aber sich mit ihnen nicht mehr identifiziert.

Die Gefahr besteht bei „Wiener Straße“ ja auch. Wir sprachen schon von Knalltüten.
Die Gefahr besteht immer. Und man kann es auch nicht vermeiden. Wie oft habe ich von Leuten bei „Herr Lehmann“ gehört: „Das ist ja auch so ein Taugenichts, ein ambitions­loser Tunichtgut.“ Und ich habe gesagt: „Leute, dieser Mann macht eine Arbeit, da würdet ihr alle Blut kotzen! Und die macht der jeden Tag. Und die macht der gerne und gut. Was wollt ihr denn noch von denen?“ Oder wenn sie dann sagen: „,Neue Vahr Süd‘…“

Ihr zweiter Roman spielt vor allen anderen Büchern – bevor Frank nach Berlin zieht.
„… hat ja doch relativ wenig Handlung.“ ­Dieser Typ lebt in Bremen bei seinen Eltern, und am Ende muss er die Stadt verlassen, weil er alles verloren hat! Der war bei der Bundeswehr, hat einen Selbstmordversuch gemacht! Was wollt ihr denn noch an Handlung? Einen Atomkrieg?

Täuscht der Eindruck, dass Karl von all Ihren Figuren die größte Fallhöhe hat?
So war der Effekt bei „Herr Lehmann“: dass Karl Schmidt tatsächlich so abstürzt.

Er landet am Ende in der Psychiatrie. Jahre später lebt er in einer Drogen-WG in Hamburg. Dort beginnt dann auch „Magical Mystery“.
Man könnte auch mal jemanden sterben ­lassen. Aber davor zuckt man dann doch erst mal zurück.

Aber doch nicht etwa Frank Lehmann?
Das Problem ist ja, das hat immer sowas ­Unwiederbringliches! Es gibt diese „Enderby-Romane“ von Anthony Burgess, davon hat er zwei geschrieben, und in beiden stirbt der Typ am Ende, aber unter anderen Voraussetzungen. Das fand ich nicht schlecht. Aber ich hatte dazu keine Lust.

Bobby Ewing starb in „Dallas“ auch, war dann aber doch nur duschen.
Und dieser Ken von „South Park“, der stirbt in jeder Folge!

Ein neues Mitglied im Lehmann-Kosmos ist Wiemer, der der Ausstellung im Kunsthaus Artschlag leitet, auf die in „Wiener Straße“ die ganze irre Geschichte zuläuft.
Der sich als Kunstmäzen und Kurator sieht, aber keinem so gerne erzählt, dass er eigentlich als Sozialarbeiter unterwegs ist. Was auch eine Menge über die Kunst in Kreuzberg ­erzählt. Das gab es ja wirklich viel: so etwas wie betreutes Künstlern. Er behauptet immer, er wäre beim Kultursenat angestellt. Es gab mal diesen einen SPD-Politiker, der sagte, Kunst sei das Schmiermittel der Sozialpolitik. So kann man es natürlich auch sehen! Das ist eine Déformation professionnelle, die man verstehen muss, weil gerade auf der kommunalen Ebene sehr oft Kulturmittel auch eingesetzt werden, um Gegenden zu befrieden, Leute von der Straße zu holen, ihnen Perspektiven zu geben. Auch um Sozial­arbeiter zu beschäftigen. Es gibt eben auch diesen Bereich in der Kunst, der staatlich gefördert ist. Und das schafft andere Bedingungen.

Das ist heute doch nicht ganz mehr so.
Was? Was? Die Berliner Festspiele, die Documenta, und wie sie alle heißen? Die ganzen Museen? Stiftung Preußischer Kulturbesitz? Von der Filmförderung ganz zu schweigen. Und natürlich auch Theater und Oper. Entschuldigung, wenn man jeden Sitz in der Oper und im Theater mit ein paar hundert Euro subventioniert, egal ob da nun offen oder geschlossen ist, dann ist das schon eine ­Menge Geld!

Ist da gerade der Musiker Regener ein bisschen neidisch – oder der Literat?
Im Gegenteil, ich bin gar nicht neidisch! Eine der Sachen, die ich nicht mag, ist, dass die Plattenfirmen auf lange Sicht wahrscheinlich ausfallen werden, auch im Rock’n’Roll. Die da wesentlich helfen, neue Leute ­aufzubauen. Da habe ich Angst, dass dann der Staat einspringen muss und wir dann auch solche Staatskünstler haben wie in Frankreich und auch der Schweiz. Das ist nämlich das Gegenteil von Rock’n’Roll. Rock’n’Roll ist immer die freieste aller Künste gewesen, weil wir unser Geld wirklich immer selbst verdient haben. Der Deutsche Filmpreis ist falscher Glamour, weil die alle in ihren Ansprachen immer nur darüber jammern, dass irgendwelche Kulturbehörden die Förderung ­gekürzt haben — aber vorne fahren sie mit dem Phaeton vor, weil der von VW gesponsort wurde. Und hinten musst du dir die ­Getränke bei der Party selbst aus dem Kühlschrank nehmen.

Zwischen „Wiener Straße“ und „Herr ­Lehmann“ liegen neun Jahre. Da passen noch ein paar Lehmann-Bücher rein, oder?
Ja! (lacht) Theoretisch unendlich viele. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, was ­anderes zu schreiben. So wie in „Magical Mystery“. Aber wenn es darauf hinausläuft, ein Riesentableau zu schaffen, von dem man jetzt erst einige versprengte Puzzlestücke gesehen hat, dann ist mir das auch recht.

Eine gewisse biografische Nähe zwischen Frank Lehmann und Sven Regener ist ja nicht zu leugnen. Zieht Herr Lehmann ­irgendwann nach Prenzlauer Berg?
Das weiß ich nicht. Die biografische Nähe kommt nur daher, dass ich mich eher in der Lage sehe, am besten über Sachen zu schreiben, von denen ich auch was verstehe.

Eben! Sie wohnen ja nun auch schon ­einige Jahre dort.
Wenn ich über 19- oder 20-Jährige schreibe, die freidrehen, dann fällt mir das leichter, wenn das Anfang der 80er-Jahre spielt, anders als heute, weil ich einfach 56 Jahre alt bin. Wenn mich also solche Leute interessieren, bin ich gut beraten, das auch in einen historischen Kontext zu tun.

Das heutige Berlin ist für Sie kein Roman-Schauplatz?
Doch, natürlich. Aber das hätte dann eher mit älteren Leuten zu tun. Es gibt ja jede Menge Leute, die schreiben Romane, wie das in den 90er-Jahren oder den Nullerjahren in Mitte war. Maxim Biller, Joachim Lottmann. Ich kann das nicht. Das ist nicht meine Welt. Ich verstehe davon zu wenig.

Einen wie Lottmann sieht man ja auch ziemlich häufig auf Literaturveranstaltungen und -partys. Sie trifft man da selten.
Ich bin auch nicht so ein wahnsinniger Party­gänger. Es gibt dieses Buch, „Wege zum Ruhm“, wo Robert Gernhardt seinem Neffen Horst Streugöbel gute Tipps gibt, wie man Literat wird, und einer lautet: „Vermeide andere ­Literaten!“ Ich habe auch zu viel zu tun. Ich habe auch eine Band und so.

Wenn Sie ein Soloalbum machen würden, würden Sie damit quasi Ihre Band betrügen. Bei einem Buch ist es etwas Anderes.
Spätestens, wenn der Sänger einer Band ein Soloalbum macht, ist die Band eigentlich kaputt. Aber Jakob Ilja (Gitarrist von Element of Crime, Anm. d. Red.) macht auch Film­musik. Und ich schreibe eben Bücher. Das geht, ohne der Band weh zu tun.

Und Sie sagen der Band Bescheid: „Nehmt euch fürs nächste halbe Jahr etwas anderes vor, ich schreibe dann mal einen neuen Bestseller. Oder ich mache mit dem Leander noch einen Film oder etwas fürs ­Theater.“ Mit Andreas Dorau haben Sie ja vor zwei Jahren auch noch dessen Biografie geschrieben.
Es ist eher so, dass wir mit der Band darüber reden, wann wir anfangen, wieder Songs zu schreiben. Wir machen ja zuerst immer die Musik, und die kommt ja von allen. Und ich muss dann irgendwann die Texte machen. Das würde ich niemals zu derselben Zeit tun, in der ich an einem Roman schreibe. Weil ich dann den Kopf gar nicht frei hätte.

Wenn Ihnen beim Buchschreiben ein geiler Satz einfällt, würde Sie also nicht auch gleich einen Songtext daraus verfertigen?
Ich kann Texte nur zur Musik machen. Ich singe mir das so vor, und dann fallen mir dazu Zeilen ein. Mir ist auch ein bisschen rätselhaft, wie das funktioniert. Aber so isses im Großen und Ganzen.

Und: Wann ist es wieder so weit?
Wir schreiben jetzt auf jeden Fall wieder neue Songs. Wir haben auch schon im Sommer bei einigen Konzerten zwei davon gespielt. Ab und zu muss man als Band ja auch mal neue Songs machen. Sonst wird man zum Museumswächter in der eigenen Vergangenheit.

Dann kann man immer noch alte Platten von Anfang bis Ende live aufführen, das ist ja gerade sehr in Mode. U2 war neulich mit einem 30 Jahre alten Album unterwegs.
Sowas macht mich eher traurig und melancholisch. Das ist eine Art von Kaputtheit, die haben wir Gottseidank noch nicht am Start.

Wiener Straße von Sven Regener, Galiani, 304 S., 22 €

„Magical Mystery“ im Kino

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