Kommentar

„Tag der Freiheit“: Bitte nicht schon wieder eine Verschwörungsdemo

„Die Pandemie ist vorbei“ – das ist die simple Botschaft, die am Wochenende in Berlin verbreitet werden soll. „Tag der Freiheit“ heißt das Event, für das seit Wochen mobilisiert wird. Aufgerufen dazu haben alte Bekannte: ein Mix aus Berliner Hygienedemonstrant*innen und bundesweit vernetzten Corona-Verschwörungsideolog*innen will sich am 1. August am Brandenburger Tor versammeln. Bitte nicht noch so ein Event – aber „das Ende der Pandemie“ sehen ohnehin schon viele. Ein Kommentar von Christopher Wasmuth.

Protestschild auf einer Demo der "Corona Rebellen Düsseldorf" am 18.7. in der nordrhein.-westfälischen Landeshauptstadt. Für den "Tag der Freiheit" mobilisieren die Verschwörungsideolog*innen bundesweit. Foto: Imago Images / Ralph Peters
Protestschild auf einer Demo der „Corona Rebellen Düsseldorf“ am 18.7. in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Für den „Tag der Freiheit“ mobilisieren die Verschwörungsideolog*innen bundesweit. Foto: Imago Images / Ralph Peters

Man muss nicht lange suchen, um die Ankündigungen für diesen „Tag der Freiheit“ zu finden. Auf Facebook gibt es Dutzende Kleinst-Events mit wenigen Zusagen, die die Fahrt in die Hauptstadt organisieren. Die Kommentarsektionen zeugen dabei nicht selten von Größenwahn: Mobilisiert wird schließlich seit Wochen. Die Veranstalter*innen der Demo hatten großspurig 500.000 Teilnehmer*innen angekündigt.

Die ursprünglich angedachte Abschlusskundgebung auf dem Tempelhofer Feld wurde jedoch verlegt. Am Samstag beginnt gegen 11 Uhr eine Versammlung am Brandenburger Tor. Am Nachmittag soll auf der Straße des 17. Juni die Hauptkundgebung beginnen, am Abend ist dann ein „Tanz für die Freiheit und die Grundrechte“ angekündigt.

So groß wird der „Tag der Freiheit“ natürlich nicht

Dass das Event deutlich kleiner ausfallen dürfte, ahnten wohl alle, bloß manche Menschen in den Netzwerken wollen das nicht wahrhaben und fantasieren nach wie vor von gewaltigen Menschenmassen.

Wie der „Tagesspiegel“ berichtete, dürfte die Demo wesentlich kleiner ausfallen: Die Berliner Polizei sagt, der Anmelder habe „die Anzahl der gemeldeten Personen von 500.000 auf 10.000 konkretisiert“.

Die Revolution fällt also wieder einmal aus. Stattdessen kommt auf Berlin wohl wieder ein Event zu, an das man sich mittlerweile gewöhnt haben könnte. Attila Hildmann, über dessen Radikalisierung wir hier schreiben, ist Sympathisant des „Tags der Freiheit“. Initiiert wurde die Kundgebung allerdings unter anderem von „Nicht ohne uns“, also der Gruppe um Anselm Lenz und Hendrik Sodenkamp, die im März die „Hygienedemos“ ins Rollen brachten.

Schlagerdröhnung und Besuch aus Stuttgart

Daneben macht vor allem die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“ für den „Tag der Freiheit“ mobil. Im Süden Deutschlands befand sich zeitweise der Hotspot der diffusen Corona-Proteste. Auf dem Youtube-Channel der Gruppe findet sich ein rund einminütiges Ankündigungsvideo.

Schwülstige Klänge und säuselnder Gesang: Der offizielle Soundtrack der Verschwörungsideolog*innen ist allem Anschein nach seichter Schlager. Ohne Pathos geht es nicht.

Es folgt der Demo-Aufruf von Michael Ballweg, dem Anführer der Stuttgarter „Querdenker“. Nach den vielfachen Lockerungen der vergangenen Wochen ist kaum eine Maßnahme übrig geblieben. Nur die Maskenpflicht ist noch sichtbar – und an ihr entlädt sich die gesamte Wut der „Corona-Rebellen“. Auch Michael Ballweg macht das oft zum Thema, auf Youtube finden sich lange, besserwisserische Erklärungen von ihm, wie man die Mundschutzpflicht umgehen könnte.

„Maulkorb“ und „Unterwerfungslappen“ heißt der Mundschutz in sozialen Netzwerken dann wahlweise. Und alle Hirngespinste von Diktatur und neuer Weltordnung hängen mittlerweile an einem Stück Stoff. Aber das ist fast egal, denn um die Sache geht es bei den Demos nie. Selbst wenn als Maßnahme nur der Ratschlag übrig bliebe, geschlossene Räume gut zu lüften, könnte man sicher sein, dass frische Luft von den Verschwörungsdemonstrant*innen zum Symbol der Diktatur gedeutet würde.

Riefenstahl und rechtes Denken

Die Demos sind also trotz Schlagersoundtrack nicht harmlos. Die Szene hat nicht nur ein fragwürdiges Verständnis von Gesundheitsschutz, sondern rechte Schlagseite. Die „Hygienedemos“ vor der Volksbühne waren schon bald von Nazis gekapert. Und wer außerdem zum „Tag der Freiheit“ aufruft, ist keine Überraschung. Das neurechte „Compact“-Magazin ist dabei. Und auch die NPD teilt Aufrufe zum „Tag der Freiheit“. Gerade sie dürfte sich freuen, dass der Name des Events auch der Titel eines Propagandafilms von Leni Riefenstahl ist.

Uns steht also ein weiterer Tag mit wirren Redebeiträgen bevor. Sicher wird es um Mundschutz gehen, um den Sturz der Regierung, um Freiheit, Impfzwang, Bill Gates und alles, was seit Monaten in den Online-Echokammern, auf Youtube und Telegram, immer ohrenbetäubender wird.

Dem „Tag der Freiheit“ ist zu wünschen, dass das großspurig angekündigte Event klein bleibt. Und dass der vielfach angekündigte Gegenprotest die Demo überstimmt.

Aber die Demo-Veranstalter*innen sind mit der Einschätzung, das „Ende der Pandemie“ sei da, nicht allein – und gewiss nicht die ersten, die das glauben. Auch ohne Verschwörungen im Kopf glauben viele, die Pandemie sei vorbei, während die Infektionszahlen steigen. Man sieht es jedes Wochenende in der Hasenheide. Und man sieht es an der mangelnden Vorsicht mancher, wie zuletzt das Infektionsgeschehen im Neuköllner Brauhaus Neulich zeigte.


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