Tanzfestival

Tanz im August 2017

Ästhetiken des Widerstands – Streifzüge durch die Welt der Tanzstile, Frauenpower und
politische Akzente: Tanz im August glänzt facettenreichFoto: Hugo Glendinning

Ein Festivalauftakt ist immer auch ein Statement. Dass die 29. Ausgabe von Tanz im August mit einem Ausflug in die „Kalakuta Republik“ und damit in die Vita des Afrobeat-Begründers und nigerianischen Polit-Aktivisten Fela Kuti startet, schiebt sogleich ein Themenfeld in den Raum: Kunst und Revolte, wie steht es um diese Liaison? Eine Frage aktueller denn je im Zeitalter postfaktischer Verunsicherung.

„Leidenschaft, Politik und gewagte Bewegungen“ – mit diesem griffigen Motto fasst das größte deutsche Tanzfestival 28 Produktionen von Künstlern und Künstlerinnen aus 21 Ländern zusammen. Aktuell bewegt sich so manches Kulturevent im Windschatten von 100 Jahren Oktoberrevolution, der Relevanz des Revolutionären im Heute nachforschend. Als Ausgangsidee habe das eine Rolle gespielt, erklärt die ­künstlerische Leiterin Virve Sutinen, doch schnell sei klar gewesen, die Recherche weiterzufassen: „Strategien des Widerstands waren Schlüsselwörter für die diesjährige Ausgabe.“ Die gebürtige Finnin, die 2014 das Ruder bei Tanz im August übernahm, verfolgt mit ihrer kuratorischen Linie konsequent ein Ziel: der Vielfalt der Tanzströmungen eine Plattform zu bieten. Da passt gut ins Bild, dass einige eingeladene Arbeiten mit ­Butoh, Tango oder Flamenco flirten, Tanzstilen also, die auf zeitgenössischen Bühnen aktuell unterrepräsentiert sind.
Ästhetik-Revoluzzern aus unterschiedlichen Jahrzehnten mit der Jetzt-Brille zu begegnen, dafür bietet das dreiwöchige Festi­valprogramm reichlich Gelegenheit. So versprechen gleich mehrere Stücke einen ­frischen Blick auf die japanische Performancekunst Butoh. Kalkweiß geschminkte Körper in expressiven Posen – in den 1960er-Jahren war das die Avantgarde, die sich als Gegenentwurf zu diversen Verflachungstendenzen in Japans Kulturbetrieb verstand. „Butoh vermag immer noch Wellen zu schlagen“, findet Virve Sutinen. Davon überzeugen kann man sich, wenn der Multimedia-Performancekünstler Takao Kawaguchi in seinem Solo dem Butoh-Übervater Kazuo Ohno nachspürt.

Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell wiederum schüttelt kühn in „Caen Amour“ die Tanzgeschichte durcheinander, indem er der Jugendstil-Ikone Loïe Fuller, dem Butoh-Pionier Tatsumi Hijikata und Hoochie Koochie, einer dem orientalischen Bauchtanz nicht unähnlichen Variante, ein Revival verschafft. Und der Brasilianer Marcelo Evelin schließlich stellt mit seinem „Dança Doente“ (Kranker Tanz) die existenzialistische Frage, was Tanz (noch) ausrichten kann.
In diesem Jahr wieder ein wichtiger Strang im Programm: starke weibliche Stimmen der Tanzwelt. Der spanischen Performancekünstlerin La Ribot, die sich an der Schnittstelle von Tanz, Film und Live Art ­bewegt, ist die diesjährige ­Retrospektive „Occuuppatiooon!“ gewidmet. Mit ihren radi­kalen Auftritten machte die Feministin das erste Mal in den 1990er-Jahren Furore. „Panoramix“, eine Sammlung von kurzen Soli aus dem Projekt „Distinguished Pieces“, die in der Tate Modern in London Premiere feierte, kommt nun in die Sophiensaele – „ein Meilenstein in der Performancekunst“, schwärmt Sutinen. Ebenfalls im Programm: La Ribots Happening „Laughing Hole“, intensive und verstörende Momente inklusive. Drei Performerinnen arbeiten sich sechs Stunden lang durch einen Wald an Pappschildern mit politischen Phrasen, bis zur Erschöpfung lachend. 2006 als Reaktion auf das US-Gefängnis Guantánamo entstanden, sticht die Arbeit auch ein Jahrzehnt später mitten hinein in die Absurditäten der Weltlage.

Mit von der Partie natürlich auch die Berliner Szene: Sasha Waltz präsentiert gleich zwei neue Arbeiten, „Kreatur“ und „Women“, das Rituale der Weiblichkeit abtastet. Die Choreografie-Newcomerin Lea Moro und ihre Mitstreiter werfen sich in „FUN!“ mit vollem Einsatz ins Groteske, um die gesellschaftliche Relevanz des Vergnügens unter die Lupe zu nehmen. Zurück an die Spree kommt ebenfalls der britische Choreograf Michael Clark, der in den 1980ern mit wilder Punk-Attitüde das Ballett – ziemlich erfolgreich – gegen den Strich bürstete. Den Beweis, dass sich Musik von Erik Satie, Patti Smith und David Bowie zu einem Tanzabend verbinden lässt, wird er in „to a simple, rock’n’roll … song“ antreten.

69 Veranstaltungen an 19 Tagen – das bedeutet ein Wiedersehen mit choreografischen Größen wie Mathilde Monnier, die ihr Tangostück „El Baile“ im Gepäck hat, einen Ausflug in die Pina-Bausch-Welt mit der ausdrucksstarken Christiana ­Morganti, Grenzgänge zwischen Medizin und Tanz und vieles andere mehr. Das Festival erobert in diesem Jahr auch die Straße: mit „Blank placard dance, replay“, der Neuauflage einer Open-Air-Choreografie aus dem Jahre 1967. Damals ließ die Tanzaktivistin Anna ­Halprin 20 Performer und Performerinnen mit ­weißen Plakaten durch San Francisco mit der Einladung ziehen, diese mit Wünschen und Protestbotschaften zu füllen. Was die Berliner wohl aus solchen Blanko-Bannern machen werden?

HAU 1–3 und 7 andere Orte 11.8.-2.9., Details auf www.tanzimaugust.de

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