Theater und Bühne in Berlin

TanzZeit im Theater an der Parkaue

TanzZeit bringt seit sechs Jahren den zeitgenössischen Tanz in die Schulen und schickt Choreografen in die Klassenzimmer. Inzwischen haben auf diese Weise über 10?000 Schüler den modernen Tanz entdeckt. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Livia-PatriziWenn man Livia Patrizi fragt, warum Tanzen für Kinder wichtig ist, bekommt man ziemlich entschiedene und eindeutige Antworten: Kinder lernen beim Tanzen, sich besser zu konzentrieren. Sie bekommen mehr Achtung voreinander. Sie entdecken ihre Neugier und die Lust am Lernen neu. Aber darum geht es nicht, jedenfalls nicht nur. „Dieses ständige Schielen auf den Nutzen, ich mag das nicht mehr“, sagt Patrizi. Sie will den Tanz nicht als Mittel zum pädagogischen Zweck degradieren. Schließlich geht es hier nicht um Nachhilfeunterricht. Sondern um Kunst, um Freiheit und um das Vergnügen an den Bewegungen des eigenen Körpers.

Livia Patrizi ist Tänzerin und Choreografin. Und die Erfinderin eines außerordentlich erfolgreichen Berliner Tanz-Schulprojekts: „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“. Früher hat die Italienerin bei Berühmtheiten wie Pina Bausch oder dem schwedischen Choreografen Mats Ek getanzt, zuletzt war sie in der Compagnie vom Joachim Schlömer. Vor sechs Jahren hat Patrizi, eine lebhafte, energiegeladene und in ihrer Liebe zum Tanz absolut ansteckende Frau, TanzZeit gegründet. Nicht als nächsten Karierreschritt, sondern weil sie an ihre Idee und an die Notwendigkeit des Projekts glaubte. Die Idee: Kinder im zeitgenössischen Tanzen zu unterrichten. Alleine, miteinander, mit Musik und ohne. So, dass es nicht um Leistung geht, wie im Sport und in fast allen anderen Fächern an der Schule, sondern darum, mit dem Körper etwas Eigenes auszudrücken.

Derzeit unterrichten etwa 30 Choreografen jedes Jahr rund 50 Schulklassen. Zwei Choreografen und eine Lehrerin kümmern sich jeweils um eine Klasse, zwei Unterrichtsstunden Tanz pro Woche gibt es für ein Jahr, am Ende steht meistens eine Aufführung. Über 10?000 beteiligte Schüler in mehr als 450 Schulklassen, das ist die Bilanz nach sechs Jahren. Sowie mehrere Preise, seit 2010 ein fester Haushaltstitel, die Schirmherrschaft von Sasha Waltz und seit vergangenem Jahr auch die von Klaus Wowereit. Kaum ein halbes Jahr Vorbereitung war 2005 nötig, bevor TanzZeit an den Start gehen konnte. Kurz zuvor hatten Royston Maldoom und der Film „Rhythm is it“ in der deutschen Pädagogenlandschaft eingeschlagen.

TanzZeit-Jugendcompany„Der Bedarf war groß und der Zeitpunkt genau richtig“, sagt Livia Patrizi heute. Als sie 2005 bei der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport anrief, machte sich Patrizi auf einen langen Weg durch die Instanzen gefasst. Aber sie bekam Renate Breitig ans Telefon, die damalige Referentin für Darstellende Kunst und Initiatorin von TUSCH („Theater und Schule“), einem Projekt, das die Zusammenarbeit zwischen den Berliner Bühnen und Schulen organisiert. „Genau so etwas fehlt in Berlin“, sagte Breitig. Ein halbes Jahr später gab es als Pilotprojekt TanzZeit an zwölf Grundschulen als reguläres Unterrichtsfach. Schulen, die teilnehmen wollten, standen Schlange.

Es ging alles so schnell, unbürokratisch und ganz und gar undeutsch, dass Patrizi ein wenig fassungslos war. Heute wundert sie sich eher darüber, dass sich das Interesse der Tanzszene in Grenzen hält. Berlin hat zwei Kinder- und Jugendtheater, das Theater an der Parkaue und das Gripstheater. Schaubühne, Deutsches Theater, das HAU und andere Theater bieten Projektprogramme für Schüler an. Im zeitgenössischen Tanz gibt es so etwas nicht. Keine Vormittagsprogramme für Schulklassenbesuche, wie sie das Grips und die Parkaue bieten. Keine eigene Tanz-Programmschiene für Kinder und Jugendliche. „Es ist die Verantwortung der Tanzschaffenden, ihr Tanzpublikum zu gewinnen“, sagt Livia Patrizi trocken. „Man kann nicht immer auf die Politik zeigen und sich dann beklagen.“ In England ist in den 80er-Jahren der Community Dance entstanden, nicht als von oben verordnetes Kulturprogramm, sondern als eine soziale Bewegung von unten, mit kommunalen Tanzgruppen für Jugendliche und Erwachsene.

Heute schaut man staunend auf den englischen Tanzboom. Dort ist, eigentlich keine Überraschung, ein großes, interessiertes und kompetentes Tanzpublikum herangewachsen, und das nicht nur für populären Tanz, sondern auch für avancierte, anspruchsvolle Ästhetiken. „In die Berliner Tanzvorstellungen dagegen geht weitgehend die immer gleiche, eingeweihte Gemeinde“, konstatiert Patrizi. Das ist kein Kompliment. Auf einer DVD der TanzZeit kann man sehen, wie die Kids lernen, sich auf den Boden fallen zu lassen, wie sie sich von vielen kleinen Händen in die Lüfte heben lassen, sich ei­nander anvertrauen, strahlen und ihre Hände und ihren Körper drehen. Sie wüsste nicht, auf welchem Weg sie den Schülern das hätte vermitteln können, dieses Miteinander, die Vorsicht, die Aufmerksamkeit, den Respekt, sagt eine Neuköllner Grundschullehrerin.

Mit einigen Schulklassen, etwa einer Sonderschulklasse in Neukölln, arbeitet die TanzZeit seit vier Jahren zusammen. Solche langfristigen Projekte muss es auch geben, nicht immer nur ein Rotationsprinzip, findet Patrizi. Sie fragt sich, wie man in Zukunft, vielleicht mit ein, zwei Schulen andere Partnerschaften entwickeln kann. Solche, die auch in die Schulstrukturen hineinwirken. Vor zwei Jahren hat die TanzZeit eine eigene Jugendcompany gegründet, eine semiprofessionelle Gruppe mit Jugendlichen, die gerne Tänzer werden wollen. „Wenn man so viele Jugendliche unterrichtet, bleibt es nicht aus, dass welche mit großem Talent und ernsthaften Ambitionen dabei sind“, sagt Patrizi. So entsteht nebenbei ein eigenes Genre: Zeitgenössischer Tanz von Jugendlichen für Jugendliche, unter professioneller Anleitung.

Zum Beispiel das Stück „Brief an L. F.“, uraufgeführt im vergangenen Sommer im Radialsystem, mittlerweile ein fester Partner der TanzZeit. Im März ist das Stück im Theater an der Parkaue zu sehen. „Brief an L. F.“ handelt von den Nöten der Jugendlichen. Von Murat etwa, der beim Versuch, einen Aufsatz über seinen Alltag zu schreiben, nicht über „Aufstehen … Aufstehen … Aufstehen“ hinaus kommt. In den ersten Versuchen, aus seinem Leben zu erzählen, hatte es noch mehr gegeben. Klingelnde Wecker etwa oder Mittagessen. Aber das war dem Lehrer nicht genug. Wieder und wieder muss Murat mit einem neuen Blatt Papier starten, aber statt mehr findet er immer weniger aus seinem Leben erwähnenswert. Am Ende bleibt nur dieses Aufstehen übrig, das sowohl die Monotonie des Alltags als auch den Wunsch, sich dagegen aufzulehnen, beschreibt. Murats Rebellion findet dann im Tanz statt.

Inzwischen stehen Murat und die anderen elf Mitglieder der Jugendcompany nicht nur auf der Bühne, sie geben auch selber Workshops. „Durch die frühe Sortierung der Schüler in ‚leistungsstarke‘ und ‚leistungsschwache‘ gibt es zu wenig Vorbilder“, sagt Patrizi. „Wenn jetzt an eine Schule mit vielen türkisch- und arabischstämmigen Schülern einer wie Murat kommt, um zu unterrichten, ist es unglaublich, wie viel da passiert.“

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Jean Francois Bauret (Livia Patrizi); Marion Borriss 

Brief an L. F.
Theater an der Parkaue Do 3.3., 18 Uhr, Fr, 4.3., 11 Uhr, Karten-Tel. 24 74 97 91, Kontakt: www.tanzzeit-schule.de

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