Das Leben geändert

Vertraut ihrem unperfekten Ich: Tara Nome Doyle

Gegen die Angst: Wegen ihrer Panikattacken war Tara Nome Doyle lange in engen Räumen gefangen. Inzwischen tritt die Musikerin vor großem Publikum auf

Tara Nome Doyle, Foto: Aljoscha Kupsch @wutkatze.mov

„Es war unglaublich“, schwärmt Tara Nome Doyle. Zwei Abende zuvor stand die 22-Jährige als Mitglied des A-cappella-Ensembles von Kat Frankie auf der Bühne der ausverkauften Elbphilharmonie. Gerade sind sie auf Tour durch verschiedene Konzerthäuser, um Frankies Programm „Bodies“ aufzuführen. Aber der Hamburger Auftrittsort war schon etwas Besonderes. Mehr noch: „Es hat echt Spaß gemacht.“

Ein Auftritt vor über 2.000 Menschen – was hätte diese Vorstellung wohl mit der einst 16-jährigen Tara Nome Doyle gemacht? Als Teenager litt die Kreuzbergerin unter einer Angststörung. Es begann mit der Panik vor einer Klausur in ihrem Lieblingsfach Englisch. Und die Angst kam wieder, breitete sich aus. Doyle, die Einser-Schülerin, musste die Schule unterbrechen, war monatelang kaum in der Lage, das Haus zu verlassen. Unter Menschen sein und das Gefühl zu haben, nicht weg zu können, verursachten ihr Schwindel, Übelkeit, kalten Schweiß. Rasch war klar: Es gab Handlungsbedarf. Die Tochter einer Norwegerin und eines Iren begann eine kognitive Verhaltenstherapie, verbunden mit einem achtwöchigen Achtsamkeits-Programm, durch das sie lernte, zu meditieren. „Danach war ich nicht geheilt. Aber ich konnte wieder bestimmte Dinge tun.“ Ein paar Monate half sie in einem Kindergarten aus. Ein wichtiger Wendepunkt war auch die Begegnung mit einem Mädchen, das selber eine starke Angststörung überwunden hatte. „Das gab mir die Hoffnung, dass ich vielleicht irgendwann wieder einen Tag planen kann, ohne ständig zu denken: ‚Wie komme ich von da nach Hause? Wo gibt es eine Rückzugsmöglichkeit‘?“ Bis sie – zunächst probeweise – zur Schule zurückkehrte, dauerte es gut ein Jahr. Zwei Jahre vergingen, bis die obsessiven Gedanken sie nicht mehr ständig begleiteten.

Die Angst vor der Rückkehr der Angst

Heute ist Tara Nome Doyle, die seit ihrer Kindheit singt und Klavier spielt, eine vielbeschäftigte Musikerin. Neben der Arbeit mit Kat Frankie und anderen Projekten ist soeben ihr Debüt „Alchemy“ erschienen, ein Konzeptalbum, das ihre schrittweise Rückkehr ins normale Leben nachzeichnet.

Panikattacken sind kaum noch ein Thema, sagt Doyle. Sie meditiert täglich, versucht, auf die Signale ihres Körpers zu hören. Das bedeutet auch: Situationen, in denen sie sich nicht wohlfühlt, zu verlassen, egal, was andere über sie denken könnten. Trotzdem ist die Angst – und die Angst vor der Rückkehr der Angst – nie ganz verschwunden. Zuletzt kroch sie vor ein paar Tagen hoch, auf der dreistündigen Fahrt zur Elbphilharmonie. Da habe sie dann die ganze Zeit das Meeresrauschen ihrer Meditations-App gehört, erzählt Doyle. Und sie vertraute sich einer anderen Person an.

Denn auch diese Erkenntnis hat der Berlinerin sehr geholfen: Sie muss sich nicht schämen, wenn es ihr schlecht geht. Und: Die meisten Menschen sind nett und zeigen Verständnis. „Wer negativ reagiert, wenn jemand anderes weint, hat offensichtlich selbst ein Problem.“

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