Animationsdoku

„Teheran Tabu“ im Kino

Ein bewegender Episodenfilm über den Iran

Camino Filmverleih/ Little Dream Entertainment

Irans Repressalien gegen Künstler sind selbst zum reichen Thema des Kinos geworden. Die jüngste Bestandsaufnahme des gesellschaftlichen Lebens in der Metropole Teheran stammt von Ali Soozandeh, der in Köln lebt und zuvor als visueller Gestalter an Filmen wie Ali Samadi Ahadis „The Green Wave“ mitarbeitete. Auch für seinen eigenen Debütfilm wählt Soozandeh die Animation. Schwarz, Grau und Blau dominieren die Palette, mit wenigen symbolstarken Rot-Tönen. Diese verfremdende Ästhetik – sie erinnert an „Waltz With Bashir“, „Persepolis“ oder eben „The Green Wave“ – erzeugt auch hier ihre eigene poetische Wirkung.

Trotz der Abstraktion der Rotoskopie-Technik, bei der das Spiel realer Darsteller zugrunde liegt, entfalten die Figuren erstaunliche emotionale Tiefen. Erzählt wird episodisch verbandelt von einer Reihe junger Leute, die im selben Wohnblock in Teheran leben. Es sind vor allem Frauen, von denen jede auf ihre Weise mit den islamischen Sittengesetzen in Konflikt gerät: Da ist die Mutter eines kleinen Jungen, die sich prostituiert und sich auf eine Affäre mit einem Richter einlässt, um an Scheidungspapiere zu kommen. Woanders soll ein mittelloser Techno-Musiker die OP einer One-Night-Stand-Affäre finanzieren, um deren Jungfräulichkeit äußerlich wieder herzustellen.

Soozandehs berührender Film schickt seine Protagonisten in extreme, oft sexuelle Situationen – so zu Beginn, wenn die Hure Pari einem cholerischen Taxi-Fahrer einen Blowjob gibt, während ihr Sohn als stummer Zeuge auf der Rückbank sitzt. Alltägliche Gewalt dämmert auch in beiläufigen Szenen, einer willkürlichen Festnahme bei Straßenkontrollen etwa oder einer öffentlichen Hinrichtung, die Musiker Babak – vielleicht Soozandehs Alter Ego – im Vorbeifahren wahrnimmt. In seinem Blick spiegelt sich Resignation oder auch Schock. Soozandehs eleganten grafischen Bilder halten mehrere Bedeutungsräume offen. Ulrike Rechel

Teheran Tabu D/A 2017, 96 Min., R: Ali Soozandeh, Start: 16.11.