Stadtleben und Kids in Berlin

Teil 3: Berlin Charlottenburg: Alter Glanz und neue Größe

Der Fernbahnhof? Weg. Die Berlinale? Lange schon abgewandert. Ziel für Neuberliner? Unter „ferner liefen“. Wäre Charlottenburg ein Mensch, würde man sagen: Der Bezirk war lange gekränkt wegen des Statusverlustes, den er in den Jahren nach der Maueröffnung erlitten hat – heruntergestuft von Berlins Zentrum zum x-beliebigen Quartier. Jetzt schickt sich Charlottenburg an, zum alten Format zurückzukehren: die größten Baustellen, die höchsten Häuser, die teuersten Lagen. Porträt eines Bezirks zwischen Größenwahn und Gelassenheit

Charlottenburg-34Jüngstes Immobilienprunkstück am Ku’damm: das Haus Cumberland zwischen Bleibtreu- und Schlüterstraße. Die Immobilienentwickler Dirk Germandi und Detlef Maruhn haben den historischen Komplex erschlossen. Für rund 120 Millionen Euro. Quadratmeterpreis: zwischen 3 000 und 7 000 Euro. Die 185 Wohnungen waren in nur sieben Monaten verkauft. Im Erdgeschoss des zweiten Hofs, im ehemaligen Kaisersaal, wird ein Zahnarzt seine Praxis errichten. Seine Patienten können dann auf ein restauriertes Deckengemälde voller Engel schauen. Die Raumgestaltung besorgt der Innenarchitekt, der auch im Hotel de Rome gewirkt hat. Germandi führt hinauf ins Dachgeschoss. Ein Londoner Musikproduzent zieht hier ein. Und die 280-Quadratmeter-Wohnung nebenan hat ein Vater für seine Töchter erworben. Germandi spaziert voran. „Hier, Schlafzimmer drei.“ Er nickt anerkennend. „Ist schon ’ne Burg“.

Es gilt: Charlottenburg muss man sich leisten können. Es ist das Viertel für Menschen, die’s geschafft haben. Die sich nichts mehr beweisen müssen, aber was gönnen wollen. Wohl auch deswegen findet der größte Zuzug in der Altersgruppe ab 65 statt.
Claes Otto Gedde geht auch schon auf die 60 zu. Er ist der Protagonist des gerade auf Deutsch erschienenen Romans „Eine lange Nacht auf Erden“ des Norwegers Ingvar Ambjшrnsen. Der trinkfeste Gedde reist 2006, kurz vor der Abkoppelung des Zoos als Fernbahnhof, nach Berlin. Um in der leer stehenden Wohnung einer Verstorbenen in der Knesebeckstraße zu überwintern. Die Nächte verbringt der Mann meist in einem Lokal am Savignyplatz. Dem Zwiebelfisch, kurz Fisch genannt. Ein Laden, der für den Reisenden „Alkohol und Verfall, Verwirrung und Fehltritte“ repräsentiert. Im Zwiebelfisch kennen sie Ambjшrnsen, den Schriftsteller. Einmal im Jahr käme er her, heißt es. An der Wand hängt ein Foto von ihm. Brille, suffgegerbtes Gesicht. Der Zwiebelfisch ist eine dieser Kneipen, wie es sie nur in Charlottenburg noch gibt. In denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, unberührt von allen Moden.

Charlottenburg-60Einmal quer über den Savignyplatz liegt in der Grolmanstraße noch so ein prächtiges Exemplar. Der Diener Tattersall. Gegründet von dem ehemaligen Schwergewichtsweltmeister im Boxen Franz Diener, der nach dem Knock-out durch Max Schmeling seine Karriere aufgab. Der Laden ist eine der berühmtesten Künstlerkneipen der Stadt, die Wände sind gepflastert mit den Heroen des goldenen Theaterwestens. Freie Volksbühne, Schiller-Theater, Renaissance-Theater, Ku’dammbühnen, sie lagen oder liegen ja alle in Laufweite. Früher hatte hier O. E. Hasse seinen Stammtisch. Heute wird ein kleiner Tisch direkt vor dem Tresen ab 23 Uhr für Volker Spengler freigehalten. Wer schon lange hierherkommt, der erinnert sich an die legendären Bratkartoffeln der vormaligen Wirtin Lilo Werthwein. An die gefürchteten Launen des luxemburgischen Kellners An¬dreas. Alles ewig her. Kneipen wie der Diener, das ist die Schattenseite, erzeugen mit ihrer authentischen Atmosphäre und der Promi-Galerie an der Wand auch ein unter Umständen verhängnisvolles Paradoxon: Wenn sie als urtümliche Attraktion in die Reiseführer geraten, kommen am Ende die Touristen vielleicht im Übermaß und konsumieren alle Reste an Originalität.

Im Fenster der Kleinen Weltlaterne an der Nestorstraße lachen Karl Dall, Harald Schmidt und Heinz Schenk. Innen waltet auch hier: die Patina des überlebten Charmes. Eine Jazzband spielt, ein älteres Charlottenburger Paar mit getönten Brillen und Hosen aus Leder tanzt auf der Empore. Der Laden zählt zu Rolfs Revier. Sprich: zu den favorisierten Locations von Rolf Eden, dem inoffiziellen Maskottchen Charlottenburgs. Schade, an diesem Abend lässt er sich nicht blicken. Sonst hätte man ihn fragen können, warum er nicht mal wieder eine Disco am Ku’damm eröffnet. Gut, die Luxusboutiquen sind alle wieder da. Aber wo bleibt das Nachtleben?

Stattdessen erleben wir: die Renaissance des Cafйs. In ganz großem Stil

Auf dem Trottoir vor dem Cafй Grosz im Haus Cumberland liegt kein Schnee. Auch vor dem 14oz-Store von Bread & Butter-Gründer Karl-Heinz Müller nebenan: alles weggetaut. Was daran liegt, dass der Bürgersteig hier über eine Fußbodenheizung verfügt. Die Grünen haben gegen die vermeintlich dekadente Stromverschwendung protestiert. Und sich einen gepfefferten Brief von Cumberland-Macher Dirk Germandi eingehandelt. Germandi erzählt das eher lachend bei einem Cappuccino im Grozs. Acht Meter hohe Decken, Jugendstilsäulen, Marmorfußboden, blinde Spiegel. Betrieben vom Borchardt-Besitzer Roland Mary. Musealer Prunk pur. Hier lebt Charlottenburgs neue Größe. An den Tischen ringsum sitzen zumeist gepflegte Herrschaften, die Fama erzählt von einem 70-Jährigen, der jeden Tag kommt, weil er in die tätowierte Kellnerin verschossen ist. Fragt man Germandi, wer das Grosz frequentiere, deutet er mit ausladender Ist-doch-klar-Geste ins noble Rund. „Das alte West-Berlin“, sagt er.

außerdem:

 

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Oliver Wolff, Andre C. Hercher

 

Charlottenburg in Zahlen: Gründungsjahre, Gipfelhöhen und Große Preise. Essenzielles und Kurioses zum Bezirk

1695 Sophie ­Charlotte ­erhält von ihrem Gemahl Friedrich III.
von Brandenburg den Ort Lietzow und den Gutshof Ruhleben geschenkt. Sie
lässt hier das Sommerschloss ­Lützenburg errichten, 1699 ist es
fertig­gestellt. Nach der Krönung ­ihres Mannes zum König Friedrich I.
von Preußen folgt 1701 die Erweiterung des Schlosses. 1705, kurz nach
Sophie Charlottes Tod, wird die Siedlung gegenüber von Schloss
Lützenburg in Charlottenburg umbenannt und ­erhält das Stadtrecht.
Schloss ­Lützenburg wird jetzt auch Schloss Charlottenburg genannt.

1705 Stadtgründung. 1893 wird Charlottenburg zur Großstadt. 1920 Eingemeindung in Groß-Berlin.

46 Jahre – Charlotten­burger Durchschitts­alter (Berlin-Schnitt: 42,9).

1?282 Ärzte, 596 Zahnärzte, 69?612 Mitglieder in Sportvereinen.

323?359 Einwohner, 60?392 Einwohner mit Migrationshintergrund (18,7 %).

5 Berge:
Dachsberg, 61 m über NN, Karlsberg, 79 m; Murellenberg, 62 m; Pichelsberg, 62 m; ­Teufelsberg, 115 m; Trümmerberg (künstlich).

1959 Einziger Großer Preis von Deutschland der Formel 1 auf der Avus (Nähe Funkturm, Teil der Strecke in Charlottenburg).

1.-klassige ortsansässige Prominenz: Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit, Filmproduzent Nico Hofmann, Schauspieler ­Christoph
Waltz, ­Katja Riemann, Ale­xandra Maria Lara, Robert ­Stadlober, David
Kross. Und nicht zu vergessen: Stand-up-Komikerin Cindy aus Marzahn.

64,72 km2
(davon 16,22 km2 Wald).

Auch noch:

Der wilde Westen: Westberlin in den 80ern 

Pankow: Zwischen Boom und Pleite

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

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