Digitale ZUkunft

„The Influencing Machine“ in der nGbK

Bots sind keine Abstraktion: Die Ausstellung „The Influencing Machine“ der nGbK zeigt die soziale Komponente der Algorithmen

Kajsa Dahlberg „Reach, Grasp, Move, Position, Apply Force“, 2015 Video

Fake News“ ist ein Begriff, den man heute überall liest und oft mit Donald Trump verbindet. Der Einfluss russischer Programmierer bei seiner umstrittenen Wahl zum US-Präsidenten oder der Zusammenhang von digitaler Beeinflussung und Brexit sind noch immer nicht geklärt. Dabei kann man sich kaum vorstellen, wie Computerprogramme, die nach Algorithmus-Befehlen funktionieren, ganze Massen steuern sollen.

Wie diese Programme namens Bots genau funktionieren, wird die Ausstellung „The Influencing Machine“ in der nGbK in Kreuzberg nicht erklären. Dafür beleuchtet sie durch die gezeigte Kunst und den 320 Seiten umfassenden Reader die sozialen Komponenten der Programme – und wie sie unsere Gesellschaft inzwischen prägen. „Es ist wichtig, Bots nicht als Abstraktion wahrzunehmen“, sagt Tahani Nadim, die die Ausstellung mitkuratierte. „In ihnen spiegeln sich immer menschliche Entscheidungen wider.“

Die Wissenschaftssoziologin setzt sich in ihrer Arbeit am Naturkundemuseum und ihrer Juniorprofessur an der Humboldt Universität mit der Verdatung der Natur und ihren Folgen auseinander. Sie freut sich besonders, das italienische Künstlerpaar Eva und Franco Mattes aus New York zeigen zu können, das sich mit ethischen und politischen Folgen des Internets beschäftigt. Dessen Werk „Dark Content“ von 2015 basiert auf Interviews mit sogenannten Content-Moderator*innen, die für das Löschen von unangemessenen Inhalten in sozialen Netzwerken verantwortlich sind.
Aus den Gesprächen kreierten die Künstler Avatare, welche die oft vergleichbaren Aussagen wiedergeben. „Der Beitrag zeigt, dass während der Arbeit eine gewisse Automatisierung stattfindet. Hinter den Bildschirmen sitzen aber Menschen, die mit den gelöschten Inhalten umgehen müssen“, sagt Nadim. Eva und Franco Mattes’ Arbeit verdeutliche so die öffentliche Auffassung, in der bestimmte Arbeitsabläufe zunehmend mit einer Entmenschlichung einhergehen.

Auch auf Amazons Jobplattform Amazon Mechanical Turk werden die menschlichen Spuren der Jobanbietenden und -suchenden allein durch die neutralisierenden Betitelungen als Requester und Turkers verschleiert. Clement Valla benutzte die Plattform für die Zeichnungen seiner fortlaufenden Arbeit „Seed Drawings“. Der amerikanische Medienkünstler gab sich als Requester aus, der Reproduktionen seiner originalen Zeichnung benötigte und sammelte bisher tausende Versionen, die er in einer Collage zu einer Arbeit zusammenstellte. Von weitem sehen die nebeneinander präsentierten Zeichnungen wie ein riesiges, verpixeltes Bild aus. Nur aus der Nähe erkennt man Linien aus Menschenhand. Die Versinnbildlichung des anonymen und software-gesteuerten Prozesses für Vallas Werk ist faszinierend. Der Künstler beleuchtet damit die Selbstverständlichkeit, in der Mensch und Maschine heute zusammenarbeiten.

Das Werk ist ein Beispiel dafür, dass Computerprogramme nicht immer eine Gefahr darstellen. Doch sollte man sich ihrer Existenz bewusst sein. „Bots sind ein komplexes Phänomen“, sagt Nadim, „sie können uns in simplen Routinen wie beim Mailer Daemon über das Nicht-Ankommen einer E-Mail informieren, aber inzwischen auch Jobs ersetzen. Die Frage muss immer sein, was für eine Art von Arbeit an Bots delegiert wird und was das heißt.“

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) Oranienstr. 25, Kreuzberg, tgl. 12–19 Uhr, Mi–Fr 12–20 Uhr, 1.12.–20.1.2019, Eintritt frei

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