Kunst und Theorie

„The Most Dangerous Game“ im Haus der Kulturen der Welt

Gefahr im Spiel: „The Most Dangerous Game“ – subversive Kunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts

Sammlung aller Revues der Internationale Situationniste, 1958-1969 Internationale Situationniste. Courtesy Arsenale Institute for Politics of Representation

„In girum imus nocte et consumimur igni“ – dieses lateinische Palindrom bedeutet so viel wie „Wir irren des Nachts im Kreise umher und werden vom Feuer verzehrt“ und ist mehr als nur der Titel eines Films des subversiven Denkers Guy Debord (1931 – 1994). Es beschreibt auch die Stimmung jener um die 70 Mitglieder zählenden Bewegung, die als „Situationistische Internationale“ die Mitte des 20. Jahrhunderts unsicher machte. Anfangs geschah dies noch durch eine subversive Kunst, die die Zeichenströme der Konsumgesellschaft mit ihren eigenen Mitteln unterwanderte und beispielsweise durch gewitzte „Zweckentfremdung“ die Verhältnisse zur Kenntlichkeit verfremdete.

Doch wie in jeder Subkultur gab es auch in dem avantgardistischen Geheimbund Konflikte: Waren einige der Mitglieder dabei, sich in die Kunstgeschichte einzuschreiben, forderten andere, aus ihr herauszutreten und bei der Gelegenheit auch das Alltagsleben zu revolutionieren. Diesen um 1962 ausgebrochenen Konflikt, der letztendlich sowohl zur Verbreitung subkultureller Strategien bis in die massentaugliche Popkultur als auch zu Ausschlüssen aus der Bewegung und ihrer schließlichen Auflösung führte, dokumentiert eine umfassende Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, die den Weg aus dem Atelier auf jene Straße dokumentiert, unter deren Pflaster die Beteiligten im Mai 1968 Sand vermutet hatten.
Die von dem als Autor des Standardwerks „Phantom Avantgarde“ bekannten Roberto Ohrt gemeinsam mit Wolfgang Scheppe und Eleonora Sovrani kuratierte Ausstellung „The Most Dangerous Game – Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai 68“ realisiert erstmals die „Bibliothèque situationniste de Silkeborg“, ein 1959 von Guy Debord für Asger Jorn entworfenes Projekt. Dazu versammelt das „Archiv der letzten Bilder“ Werke der ersten Generation der Situ­ationisten. Die zu entdecken lohnt sich: So sind – um nur einige zu nennen – bedeutende Künstler*innen wie Pierre Alechinsky, Karel Appel, Isidore Isou, Jacqueline de Jong und natürlich Asger Jorn am Start.

Sich mit den dunkel schimmernden Pamph­leten dieser Bewegung auseinanderzusetzen, lohnt übrigens auch. Schließlich ist die allgemein beliebteste situationistische Praxis das zweckfreie „Umherschweifen“ – das man am besten im nächtlichen Berlin durchführt.

The Most Dangerous Game im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Eintritt 7/5 €, bis 10.12.

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